Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 58 (sequence 12)
- Language
- German
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R. Travers Herford tum aufhörte, eine Religion mit missionarischen Tendenzen zu sein, so war doch in den Tagen, als es noch imstande war, mit einer Botschaft an die Menschen anderer Nationen heranzutreten, sein Ziel: die Blinden und Unwissenden zur wahren Erkenntnis von Gott und seiner erlösenden Kraft zu führen, ihnen die göttliche Lehre zuteil werden zu lassen und sie „unter die Schwingen der Schechina" zu bringen; und wenn sie Länder und Meere überfuhren, um einen Proselyten zu machen, so hatte das darin seine Begründung. Ich habe länger bei der jüdischen Lösung des Problems verweilt als bei der christlichen, weil diese weniger bekannt ist und solange die nicht richtig verstanden ist, können die beiden Lösungen ja nicht miteinander verglichen werden. Jetzt erst wird es möglich sein, genau zu zeigen, worin der Hauptunterschied zwischen beiden besteht Er besteht darin, daß die christliche Theologie die Tatsache der schlechten Natur im Menschen von göttlicher Seite her betrachtet, das Judentum hingegen sie vom Menschen aus sieht. Das Christentum behandelt diese schlechte Natur als eine universale Tatsache, als einen Zustand, der die Menschheit als Ganzes in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgibt, und zwar so, daß er nur erledigt werden kann durch eine übermenschliche Vermittlung, durch einen Akt, der die Menschheit als Ganzes zum Ziel hat Von diesem Gesichtspunkt aus ist Christus der Erlöser und Heiland der ganzen Menschheit und der Einzelne hat Teil an dem Segen der Erlösung nur durch den Glauben an Christus, der für ihn gestorben ist Das rabbinische Judentum betrachtet die schlechte Lage der menschlichen Natur vom Menschen her als einen zwar in jedem Individuum vorherrschenden Faktor, aber nicht als eine Art kosmisches Übel, das eines besonderen göttlichen Aktes und eines besonderen göttlichen Mittlers bedarf. Ich sage „eines besonderen göttlichen Aktes und eines besonderen göttlichen Mittlers", weil die Juden natürlich stets an die dauernd wirksame Kraft und Güte Gottes glaubten, der ja immer wünschte, daß alle Menschen zu ihm kommen mögen und der immer denen half, die ihn suchten. Aber der Jude wartete nicht auf einen außergewöhnlichen Akt von göttlicher Seite her oder auf irgend eine andere Vermittlung als die seines eigenen Selbst in der menschlichen Seele. Nur in diesem Sinne sprachen die Rabbinen von Gott als Retter und Erlöser; und selbst wenn sie solche Ausdrücke in Beziehung auf Gott benutzten, so unterschieden sie doch nie etwa unter einem besonderen Namen ein besonderes göttliches Wesen als den Mittler der Erlösung und anerkannten 58