Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 56 (sequence 10)
- Language
- German
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R. Travers Herford Was den Einzelnen und die Handlungen, für die er persönlich verantwortlich ist, angeht, so lernt er — nach der Auffassung des rabbinischen Judentums — den Willen Gottes entweder unmittelbar durch sein Gewissen und inneres Erfassen, durch Gebet und Nachsinnen über Gott geläutert, oder mittelbar durch das Studium der Thora. Er nimmt die Thora mit demütiger Ergebenheit und heißer Dankbarkeit an als die Offenbarung, die Gott ihm von seinem Willen und auch von seinem Wesen und seinen Eigenschaften gewährte, als die göttlich gegebene Lehre, als das himmlische Licht, das den ganzen Bezirk des menschlichen Lebens erhellte. Zur Erfüllung des göttlichen Lebens benötigt er ebenso wie der Christ eine Kraft, die mehr ist als seine eigene, dann eben, wenn seine eigene Stärke nachläßt und sein Wille schwach wird. Er erwartet diese Kraft direkt von Gott, er sucht sie nicht in der Thora; denn die Thora gibt Lehren, gewiß die höchsten und bestmöglichsten Lehren, aber sie verleiht nicht die Kraft, diesen Lehren gemäß zu handeln. Niemals erwartete dies auch ein Jude; und Paulus' berühmte Gegenüberstellung von „Knechtschaft unter dem Gesetz" und „Freiheit durch Christus" läßt sich durch nichts innerhalb der jüdischen Erfahrungen bestätigen. Wenn Befreiung aus der Knechtschaft durch göttliche Macht und Gnade, die der Seele zu Teil ward, erfolgte, dann ist der Jude mit seiner Thora stets ebenso frei gewesen wie der Christ durch Christus. „Keiner ist frei, außer wer die Thora studiert", sagte R. Jochannan; und die Thora lehrte ihn, daß Gott die Quelle und der Spender allen Segens ist und auch die Kraft verleiht, seinen Willen zu tun. Wenn er nun bewußt in seinem Gehorsam versagt, also sündigt in der gewöhnlichen Bedeutung dieses Wortes, dann ist die absolute und tief empfundene Reue das einzige Mittel, durch das die zerstörte Harmonie zwischen ihm und Gott wieder hergestellt werden kann. Harmonie, d. h. soweit sie von seiner eigenen persönlichen Treue zum göttlichen Willen abhängt Die Rabbinen lehren, daß der Weg zur Reue jedem, selbst den schlimmsten Sündern möglich ist Wenn jener Sünder bereut, wirklich und aufrichtig bereut, dann wird Gott seine Reue anerkennen und ihm vergeben, selbst wenn alle Engel im Himmel versuchen sollten, ihn davon abzuhalten. Soviel über die Behandlung der individuellen Sünde. Der zweite Teil des. Problems behandelt die allgemein schlechte Lage der ganzen Menschheit und jedes einzelnen Mitglieds, ob er Jude oder Heide ist Das ist der Zustand, der die Gelegenheit für besondere Sünden liefert und all die Verblendung und Ver- 56