Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 55 (sequence 9)
- Language
- German
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Die religiösen Grundlagen im Lichte de» Christentums und des rabbinischen Judentums monie (bis zu jenem gewissen Grade) wieder hergestellt werden kann — die Reue. Wenn, und nur wenn die Reue yoll und ganz aufrichtig ist. stellt sich Gottes Vergebung ein. Aber in bezug auf jenes allgemeine Element des Bösen in der menschlichen Natur, das in der christlichen Theologie gewöhnlich auch Sünde genannt wird, liegt die Sache anders. Reue ist ein Akt des Einzelnen und erstreckt sich nur auf Sünden, für die er persönlich verantwortlich ist Die schlechte Lage, die die Gelegenheit für sündiges Handeln gibt (Sünde in weiterem Sinne) ist der ganzen Menschheit gemeinsam. Keiner kann sie, weder für sich noch für seine Nebenmenscheh, überwinden, sie abschaffen oder ihre Wirkung aufheben. Wenn die Sünde überwunden oder aufgehoben werden soll, dann muß irgend ein Mittler, der mehr als ein bloßes menschliches Wesen ist, in Wirksamkeit treten; und nur eine Macht, die größer als alles Menschliche ist, kann gegen jenes Übel aufkommen. Die christliche Kirche lehrt daher durch ihre verschiedenen Repräsentanten, von denen in dieser Beziehung Paulus der bedeutendste ist, daß Christus das tat, was kein Mensch als solcher hätte tun können. Christus, so wird angenommen, bewirkte eine solche Umwälzung in der Beziehung zwischen Gott und den sündhaften Menschen, d. h. der sündhaften Menschheit, daß der Mensch der Knechtschaft unter der allgemein schlechten Lage in der menschlichen Natur entgehen und zur Harmonie mit Gott gelangen konnte. Ob Christus die Schuld der Menschheit zahlte, die der Gerechtigkeit Gottes geschuldet war, oder ob er als Lamm Gottes die Sünden von der Welt nahm, ob er den Sünder durch sein Blut reinigte, oder ob er durch seinen Tod Gottes Zorn beschwichtigte, oder wie immer sonst er seine erlösende Kraft betätigte, — in dem gewöhnlichen christlichen Glauben ist die Tatsache zentral und entscheidend, daß Christus die Erreichung oder die Wiederherstellung der Harmonie zwischen Mensch und Gott durch das Überwältigen des Bösen in der Natur des Menschen möglich gemacht hatte. Als der Gottmensch, der in sich sowohl göttliches wie menschliches Wesen in gleicher Vollkommenheit vereinigte, hatte er — nach dem Glauben der Kirche — allein die Macht und den Willen, den Erlösungsakt zu vollenden. Er stellte die Liebe Gottes dem sündhaften Menschen gegenüber und durch seine Tat erfüllte sich die Vorsehung jener Liebe. Ich will nun die rabbinische Lösung des Problems neben die christliche stellen und dann auf den großen Unterschied zwischen beiden hinweisen und ihn zu erklären suchen. 55