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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
Date
1928-04-01
Page
54 (sequence 8)
Language
German
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R. Travex» Herford Das Problem, das beide Religionen gegenüberstellt, mag auf folgende Weise behandelt werden: Der Mensch sieht in Gott die Vollkommenheit an Güte, Heiligkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe. Er fühlt, daß er in einer solchen Beziehung zu Gott steht, daß er in allem von ihm abhängt, ihm Gehorsam schuldet dadurch, daß er das Gute tut und das Böse unterläßt Eiweiß auf Grund seiner Erfahrung, daß Gott seine Gebete erhört und annimmt Es wäre also vollständige Harmonie mit Gott vorhanden, wenn der Mensch in allem so wäre, wie Gott wünscht, daß er sei; d. h. also wenn der Mensch wollte, was Gott wollte und liebte, was Gott liebte. Aber in. Wirklichkeit besteht jene Harmonie nicht und des Menschen tiefster Wunsch ist, daß sie bestehe. Was diese Harmonie verhindert, ist jenes Element in der menschlichen Natur, das die Gelegenheit zur Sünde liefert Wie immer es zu einer solchen Lage kam, der Beobachtung der christlichen und jüdischen Lehrer war die Tatsache nicht entgangen, daß die menschliche Natur keineswegs den Anforderungen jenes Ideals entspricht Der christliche Apostel hat in dem Römerbrief seine Deutung der moralischen Lage der Menschheit und des einzelnen Menschen angegeben. Die Rabbinen kannten sehr genau dieselben Tatsachen, wenn auch keiner von ihnen sie mit der scharfen Lebhaftigkeit eines Paulus beschrieben hat Juden wie Christen erkannten, neben dem Wunsch nach Harmonie, die Tatsache der vorhandenen Disharmonie. Wenn keine Lösung gefunden werden konnte, wäre nur äußerste Verzweiflung zurückgeblieben, und Christentum und Judentum würden innerlich zusammengebrochen sein. So fasse ich das Problem auf, das beide zu lösen hatten; und ich will jetzt die verschiedenen Lösungsversuche aneinander reihen. Zuerst die christliche Lösung. Die Disharmonie zwischen Mensch und Gott ist nach der christlichen Lösung teils dem Ungehorsam des Menschen, den absichtlichen Übertretungen der göttlichen Gebote zuzuschreiben und teils der Lage der menschlichen Natur, die ja allen gemeinsam ist In bezug auf Handlungen, für die er persönlich verantwortlich ist, lernt er entweder unmittelbar durch sein eignes Gewissen oder mittelbar durch die Lehren von Christus selbst oder derer, die in seinem Namen und auf Grund seiner Autorität gelehrt haben, was der göttliche Wille ist Für die Erfüllung des so erfahrenen göttlichen Willens gewährt ihm Gott seine Hilfe als Antwort auf sein Gebet, und wenn er durch absichtlichen Ungehorsam der Sünde schuldig ist, so daß die Harmonie zwischen ihm und Gott (soweit sie bestand) zerstört ist, dann bleibt als einziges und wirksamstes Mittel, durch das die zerstörte Har- 54

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