Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 45 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Karl Marx. Gestalt und Ethos. Wollens geht — um die Ersetzung des Marxschen Ethos i6l die geistige Kernfrage des heutigen Sozialismus als „Idee" im Sinne eines geistigen Wertgehaltes und einer aus ihm sich ergebenden Norm der sozial-sittlichen Lebensgestaltung des heutigen Menschen. Es heißt den Marxismus aushöhlen, wenn man ihm die Dialektik nimmt lind es heißt ihn verflachen, wenn man ihn nicht mehr in der Tiefe jener Metaphysik erschaut, die Marx trotz alles Positivismus beibehalten hat Jede Philosophie, auch die Marxsche Geschichtsphilosophie, auch der Positivismus, gründet in metaphysischen Letztüberzeugungen, und sei es nur in der Überzeugung von der notwendigen Wirksamkeit „positiver Gesetze". Marxens Dialektik ist überdies getragen von der Metaphysik eines sich in der Geschichte verwirklichenden Endzieles. Und dieses Endziel realisiert seinerseits für Marx die höchsten sittlichen Werte des Menschentums. Dieser Doppelgehalt des Marxschen Ethos: sein harter Hinweis auf die leidvolle, durch kebi Ideal zu überspringende Wirklichkeit und sein bei allem Realismus sieghafter Glaube an die Realisierung menschlichen Personallebens in menschlicher Gemeinschaft für jeden Menschen und für die Ganzheit der Menschengemeinschaft, ist das bleibend Bedeutsame im Marxismus. Marxens nicht geringste ethische Tat ist es, dem sittlichen Bewußtsein eingehämmert zu haben, daß sittliche Forderungen stellen ein Kinderspiel ist, daß aber darüber hinaus die Lebensmöglichkeiten geschaffen werden müssen, um sie zu erfüllen und zu ermöglichen. Romantische Rückschau ist ebenso utopisch wie idealistische Zukunftsschau. Marx baut seinen Zukunftsglauben in die Gegenwart hinein und läßt ihn sich nur verwirklichen durch den Kampf der Gegenwart um die Zukunft Das ist sein Ernst und seine Härte aller billigen Moralpredigt gegenüber, die die Tatsache des Klassenkampfes von oben und von unten nicht sieht, oder sie mit einem Aufruf zum Ideal abtut, das doch nur in der faktischen Welt verwirklicht werden soll und kann. Es kann sich deshalb heute weder darum handeln, auf die nicht bewahrheiteten ökonomischen Theorien Marxens hinzuweisen, noch bloß darum, den sittlichen Glauben Marxens, wie es oben geschah, als zu wenig tief und zu „materialistisch"- dingverhaftet, als zu wenig an das personale Ethos sich wendend aufzuweisen. Das ist genugsam geschehen. Es kann sich nur darum handeln, die hier aufgezeigte metaphysische und — wenn man will — „religiöse'* Tiefe, die in diesem Ethos lebt, ganz zu sehen. Dann erst kann man zeigen^ daß ein tiefels Verantwortlichkeitsbewußtsein des in der Zeit stehenden Menschen um diese 4^ 45