Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 44 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Steinbüchel der Knechtschaft der Gesellschaftsgesetzlichkeit und, in ihrer ideologischen Folge, von der Religion ansah. Weil das Proletariat „das seines geistigen und physischen Elends bewußte Elend" ist, darum muß sich „die ihrer Entmenschung bewußte" Entmenschung selbst aufheben. Die mit dem Irrationalismus der un- und überpersönlichen „Verhältnisse", dem von ihnen gelenkten Willensdrang und dem durch sie erst bestimmten Denken der vergesellschafteten Menschen anhebende Geschichtsschau Marxens enthält dennoch die rationalistische Überzeugung, daß Wissen Macht ist, und daß diese Macht befreit Auch die gewaltige Schau der Hegeischen Phänomenologie endet mit dem Wissen des Weltgeistes um sich selbst, in dem er erst „als selbstbewußter Geist seine Vollendung erreichen" kann. Marx streifte diese metaphysische Hülle ab, aber er behielt den Grundgedanken von der vollendeten Macht des Wissens bei, nur daß sein revolutionäres Willensethos das Wissen des Menschen um sich selbst als die seine „Wirklichkeit" gestaltende Macht zum Faktor der Weltrevolution, die seine in die Wissenschaft sich kleidende Glaubensvision sah, erhob. Daß aber Wissen Macht sei, das hatte Marx nirgends mehr bestätigt gefunden als in der kapitalistischen Weltära, und so wuchs auch hier der Kapitalismus in den Sozialismus hinein, so trug Marx ein gut Stück auch dieses kapitalistischen „Geistes" in die neue Welt hinüber. Das Marxsche Ethos trägt so selbst ein dialektisches Gesicht: es ist die furchtbarste Gewalt, die sich gegen den Kapitalismus erhoben hat, es ist zugleich noch in so wichtigen Bestandteilen in die geistige Welt des Kapitalismus und seiner „bürgerlichen Gesellschaft" verhaftet, daß es bei aller Kritik an der „Entmenschung" durch den Kapitalismus und bei aller tiefen sittlichen Forderung des Menschseins dem neuen Menschen keine neue Welt- und Lebensanschauung schaffen konnte. Das ist die Tragik dieses Befreiungsethos, daß ihm die Befreiung nicht allseitig gelang. Das ist seine Größe, daß es die Hoheit sittlichen Menschtums einer Zeit kündet, die es für die größte, die Gesellschaft ebenso tragende wie auflösende Menschenklasse trotz all ihrer Humanitätsideale nicht gelten ließ. In dieser Hoheit beruht die Wirksamkeit des Marxschen Ethos bis heute. Daß seine Schwäche heute auch vom Sozialismus gesehen wird, zeugt von der ethischen Tiefe der sozialistischen Idee, die sich mehr und mehr um ihre letzte Fundierung in einem „religiösen Sozialismus" bei ihren ernstesten Vertretern heute müht Dieses Mühen um die Herausstellung und die Vertiefung bezw. um die Ergänzung und — soweit es um die religiöse Begründung des sozialistischen 44