Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 40 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898649--02601-2898723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Theodor Steinbüchel Man hat längst auch von sozialistischer Seile (z. B. Tugan-Baranowski. Koigen, Ed. Bernstein u. a.) die ethische Note des Marxschen Ausbeutungsbegriffes neben seiner ökonomischen Funktion erkannt, und man braucht deshalb nicht den ohne Frage tiefer und dauernder im deutschen Idealismus verwurzelten Lassalle gegen Marx zu einer ethischen Begründung des Sozialismus auszuspielen. Auch in Marx lebt etwas von Kants Imperativ, dem Menschen keinen Preis, sondern Würde zuzusprechen und ihn nie als bloßes Mittel zu gebrauchen, und auch etwas von Fichtes Arbeitsethos, nach dem der arbeitende Mensch kein „Lasttier" sein soll. Wenn der größte jüdische Ethiker des vergangenen Jahrhunderts, Herrn. Cohen, zu Kant wie zu Marx sich hingezogen fühlte, so liegt auch darin ein Hinweis auf die Verwandtschaft im menschlichen Empfinden beider und eine stillschweigende und doch sprechende Abwehr der „Deutschen", die mit Marx wie mit Lassalle schon fertig sind, wenn sie sie als „Juden" abgestempelt haben. Marxens Sozialismus ist so idealistisch in seinem Zukunftsethos, daß er, wie Fichte, die Last der Arbeit nicht mehr empfindet, und der Marx-Engelssche Sozialismas mündet bei allem Gegenwartspessimismus in den höchsten idealistischen Zukunftsoptimismus: In der neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsform kann „einerseits kein Einzelner seinen Anteil an der produktiven Arbeit, dieser Naturbedingung der menschlichen Existenz, auf andere abwälzen;----andererseits wird die produktive Arbeit statt Mittel der Knechtung, Mittel der Befreiung der Menschen, indem sie jedem Einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu betätigen", so daß sie „so aus einer Last eine Lust wird". Dieser idealistische Sozialismus ist - das muß gerade der Ethiker sich gestehen — so verstiegen, daß er zu hoch greift Es ist ein Grundmangel in Marxens Messianismus, daß er die sachlichen Verhältnisse, die neue S a c h Ordnung selbst als die erlösende Macht ansprach, die bessere Menschen schafft So richtig Marx die ethisch-persönliche Forderung in ihrer Verwirklichung in Abhängigkeit von den sachlich-unpersönlichen Verhältnissen sah, er machte die Bedingung zur Ursache. Darin barg sich mehr „Materialismus", der die Notwendigkeit personaler Erziehung zum sittlichen Sein übersah, als in seiner „materialistischen" Geschichtsauffassung. Denn diese wollte als „materialistische" nur der Gegensatz zur idealistischen, die Idee zur letzten Wirklichkeit erhebenden Geschichtsdeutung Hegels sein. Sie verhielt sich als „historischer" Materialismus stets ablehnend gegen den undialektisch - ungeistigen metaphysischen Materialismus der Zeit Es gibt keine Dialektik, die 40