Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 35 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898649--02596-2898718- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Karl Marx. Gestalt und Ethos. dacht und eine vorweggenommene Kritik eines sich verbürgerlichenden „Revisionismus", dem später die Bewegung alles, das Ziel nichts wurde. Dieses Motto erkannte die Prophetie, die in Marxens Lebensarbeit Wille und Wissen eint und das Wissen — hier die Apokalyptik der kapitalistischen Selbstauflösung, die Geburt des Sozialismus aus dem Kapitalismus selbst, der durch sein eigenes Kind vernichtet wird, am Schlüsse des Marxschen „Kapitals" — dem Zukunftswillen dienstbar machte. Eine ganz ins Diesseits gewandte Eschatologie verkündete der Prophet Karl Marx. Aber es war nicht mehr ein jüdisches Sehnen und Erharren des von oben kommenden Reiches, das seine Verkündigung in sich schloß, sondern der Willensmensch in Marx wollte das Kommende, das er berechnen zu können meinte, erkämpfen als ein diesseitiges Reich und mit diesseitigen Mitteln. An Gott glaubt der neue Prophet nicht mehr, aber an die Weltlenkung der diesseitigen Triebkräfte, die als Produktivkräfte die geschichtliche Welt gestalten und sie so gestalten, daß es zur Erlösung der Enterbten und Unteif* drückten sicher kommt Sie tragen und lenken den Willen der Menschen, die nur ihr ausführendes Organ sind, aber als solches ihre unentbehrliche Bedeutung in der geschichtlich-gesellschaftlichen Weltformung haben. Sie stehen im Dienste nicht mehr eines Gottes, aber einer zielmäßig wirkenden Weltmacht, die ihr Bestes am Ende erreicht Die geschichtliche Notwendigkeit selbst ist der Gott geworden. Erlöser und — am Ende — Erlöster in einer Person ist das Proletariat in seiner geschichtlich-irdischen Wirklichkeit selbst Es ist der Messias, der wohl den Frieden bringen wird, aber ihn nur bringen kann durch das Schwert. Der Messias, der, universal, allen das Heil bringt Der Klassenkampf ist eine dialektische Notwendigkeit in der geschichtlichen Bewegung, gründend im Wesen jeder auf dem Klassengegensatz aufgebauten menschlichen Gesellschaft selbst „Eine unterdrückte Klasse ist Lebensbedingung jeder auf den Klassengegensatz begründeten Gesellschaft" Aber der dialektische Antagonismus erreicht im Hegel-Marxschen Dreitakt der dialektischen Bewegung die „Synthesis" der Einigung aller Gesellschaftsglieder in der klassenlosen Gesellschaft, die kommt und kommen muß. Wenn die ökonomische Gegensätzlichkeit, die alle soziale Klassenmacht der Unterdrücker und alles soziale Klassenelend der Unterdrückten bedingt, durch die Überführung der Produktionsmittel aus Privatin Gesellschaftsbesitz am Ende des Klassenkampfes durch das Proletariat durchgeführt ist, dann ist die ökonomische Bedingung für den gesell- 35