Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 32 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898649--02593-2898715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Theodor Steinbüchel philosophischer Theorie zu erkennen. Er war zu wenig geruhsam-genießender Romantiker, um an einer Gestalt der Vergangenheit ein ästhetisches Genüge zu finden und gar auf ihre Erneuerung im Jetzt des gegenwärtigen Alltags zu hoffen. Sein Wille stürmte über das Gegenwärtige hinüber und sein von diesem Willen gespeistes Wissen übersah die kritischen Grenzen, die es in seiner reinen Kausalerklärung des Gewordenen sich selbst gesetzt hatte. Er erschaute die Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart eindeutig durch alle Not der Enterbten und allen Kampf der Klassen hinaufsteigen. Marx glaubte an den Aufgang im Untergang. Aber Marx ist dennoch kein reiner Utopist Dazu ist er zu wirklichkeitsr verbunden und daran hindert ihn seine „materialistische Geschichtsauffassung". Das „Kapital" sieht „die Masse des Elends, des Druckes, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung" aus dem „Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst" emporwachsen und mit dem allem zugleich di« daraus sich ergebende „Empörung". Die innere Dialektik des gesellschaftlichen Prozesses erzeugt „mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation". Da aber in diesen Naturprozeß der Wille des Menschen eingeschlossen ist, so ist auch er notwendig für die Dialektik des sozialen Werdens. Marx ist bei allem Determinismus kein quietistischer Fatalist Er ist ebenso wenig ein die Wirklichkeit verachtender Utopist Denn mit eben diesem Werden entwickelt sich das soziale Ideal. Und eben dies ist ein gut Stück Hegel in Marx. Denn trotz des Aufgebens der Hegeischen Geistmetaphysik hält Marx an einer objektivistischen Ethik fest Er sieht mit jeder neuen Gesellschaftsform eine neue Ethik sich entfalten, die von den objektiven Faktoren der Wirtschaftsentwicklung bedingt ist und selbst wieder wirkender Faktor der Entwicklung wird. Der Mechanismus des Werdens enthält immanent einen teleologischen Aufstieg bis zur sozialistischen Ordnung und ihrem Höchstethos. Der Marxsche Zukunftsglaube ist so auf die „Vernunft" in der Geschichte und ihren endgültigen Durchbruch gegründet Aber dieser Glaube will nicht die Zukunft vorwegnehmen, sondern heißt, den Weg durch die historische Wirklichkeit zu gehen und die Elemente, die in dieser Wirklichkeit zur Vernunft führen, in Freiheit zu setzen. Nach Hegel und nach Marx kann niemand seine Zeit überspringen. Eben dies, daß der Proletarier ganz in seiner Gegenwart gebannt ist, dennocn aber in seinem Klassenkampf diese Gegenwart zu einer gewissen Zukunft führt, ist sein hartes wie sein erlösendes „Schicksal" (Tillich). Er ist der Mensch der Spannung, ganz im Gegen- 32