Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 30 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Steinbüchel trachtung ist für Marx verächtliche Scholastik. Deutlich hat er diese erkenntniskritische Grundüberzeugung wiederum in seinen Thesen über Feuerbach zum Ausdruck gebracht: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens — das von der Praxis isoliert ist — ist eine rein scholastische Frage." In gewaltiger Willenskraft zwang Marx seinen Geist zu umfassendstem geschichtlichem und wirtschaftstheoretischem Studium, wie er ihn zu Beginn seines Erwachens zu ausgedehnten philosophischen Forschungen gezwungen hatte, deren erstaunlichen Umfang der Marxforscher durch die neue Marx- Engels-Gesamtausgabe des Moskauer Marx-Engels-Instituts jetzt erst zu übersehen beginnt Nur wer das in seiner Kürze und Treffsicherheit geniale Kommunistische Manifest als Willensmanifest versteht, aber zugleich hinter diesem selbstsicheren Kampfruf an die Proletarier aller Länder eine in zähester Arbeit errungene philosophische und historische Gelehrsamkeit erblickt, kann die geistige Leistung, die es darstellt, würdigen. Nur wer in so ausdauernder Energie zur Denkarbeit sich gezwungen hat, wie Marx, kann solche Zusammenfassung von Jahrhunderten, ihrer Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur als Resultat seiner Geistesarbeit geben. Dieses kurze Manifest verrät in gleicher Weise die Willenszucht des Autors und die Willensglut des sein Denken dem revolutionären Aktivismus widmenden Gelehrten. Die berühmte Anfangsthese dieses Aufrufs: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen" enthüllt in ihrer trotzigen Einseitigkeit einen Willen, der in der Geschichte nur eines sehen will. Und der Schluß dieses auf geschichtliche Forschung sich aufbauenden Aktionsprogramms offenbart den Willenszweck aller theoretischen Arbeit: „Die Kommunisten . . . erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltigen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer Kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" Die Wissenschaft war in der Tat für Marx, wie er es im „Elend der Philosophie" ausgedrückt hatte, „bewußtes Erzeugnis der historischen Bewegung" geworden, sie hatte aufgehört, nur die Verelendung des Proletariats zu sehen und utopistische, gut gemeinte ethische Ideale der 30