Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 29 (sequence 3)
- Language
- German
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Karl Marx. Gestalt und Ethos. blicken. Karl Marx ist ein echter Willenstyp, dem es auch im Denken nicht darauf ankommt, die Welt philosophisch zu „interpretieren", sondern zu „verändern", wie es seine letzte These über Feuerbach verkündet Marxens Wollen geht viel mehr ins Große und Weltgeschichtliche als das Wollen seines späteren Widerparts, Ferdinand Lassalle, der gar sehr das Hegeische „Listen mit der Idee" verstand und, wie Marx mit Engels empfand, seine Willensziele zu sehr in den Dienst persönlichen Ehrgeizes stellte. Eine revolutionäre, durchaus aktivistische Seele lebte in Marx, die alle Willensenergien in den Dienst des Umsturzes stellen möchte. Jede Revolution seiner Zeit hat Marx voll Erwartung begrüßt und von jeder das Große erhofft, sein Reich der Freiheit Noch die letzte Revolution, die er erlebte, die Erhebung der Pariser Kommune, weckt in ihm die glühende Hoffnung auf den Anfang des Endes, seines Sozialismus. Der Historiker und Soziologe Marx war sich nie darüber klar, in welchem Zeitpunkt die Bedingungen für den Übergang von der kapitalistischen in die sozialistische Ära gegeben sei. Sein Urteil über die Notwendigkeit des proletarischen Aufstandes zu bestimmter Zeit hält kritisch zurück, aber das stürmische Temperament möchte jeden revolutionären Aufstand dem großen Ziele dienstbar machen. Vom Willen ist die ganze Erkenntnisarbeit des Denkers Marx geleitet. Das „letzte Wort der sozialen Wissenschaft" kann für ihn nur die „Alternative" George Sands sein: „Kampf oder Tod, blutiger Krieg oder das Nichts". Marx-Forscher wie Toennies, Masaryk, Tugan-Baranowski haben diese volunlaristische Einstellung von Marxens Denken erkannt und, bei aller Währung des metaphysisch-philosophischen Unterschiedes, in Marxens Geschichtsauffassung eine Anwendung der Schopenhauerschen Willenslehre gesehen, die den unbewußten Geist, nicht die Hegeische logische Idee, zum Triebrad des geschichtlich-sozialen Weltgeschehens macht Denn für Marx ist „nicht die Vernunft, sondern der dunkle Drang, nicht der Gedanke, sondern das Bedürfnis ,der erste Beweger', die ursprüngliche Macht im Leben des Menschen und in «ler menschlichen Entwicklung" (Toennies). Darum ist auch die Wissenschaft nur Exponent der wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse, Ausdruck für die Bewegung der die geschichtliche Welt gestaltenden „materiellen" Faktoren der Produktivkräfte, die alle Gestaltung des Lebens und des Denkens bestimmen. Der Wahrheitsbegriff Marxens muß ein pragmatistisch-voluntaristischer werden. Die ruhige hellenische Schau, die »eiogta, hat Marx nicht gekannt Die Tat, die „Praxis" ist alles, und sie ist das Kriterium der Wahrheit. Bloße Be- 29