Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 9 (sequence 7)
- Language
- German
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Jüdische Kuli- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel wie sie sich auf dem Lande und in den kleinen Städten mit ihren frommen, gefestigten und treuen Gemeinden herausbildete, wie Gudensberg, das noch 1718 jüdische Ackerbauer kannte, wie Gemündcn, dessen Gemeinde sich trotz ihrer erzwungenen Beschränkung auf drei Männer erhielt, wie Züschen, von wo aer Jude Nathan 1784 seinen kleinen Fund, eine goldene gotische Münze, mit derselben Achtsamkeit und Treue an das junge Museum ablieferte, wie der Schäfer Adolf 1777 sein ebenso benanntes, bei Balhorn gefundenes Regcnbogenschüsselchcn „mit runden Kügclchen in seiner Höhlung*'; denn diese vielfälligen kleinen Zellen jüdischen Lebens haben der Judenschaft Hessens Kraft und Charakter verliehen. Aber im ganzen läßt sich gerade an diesem „Residenzbestand** mit seiner vom Rokoko fast unbeirrt aus dem Barock zum Klassizismus hinüberslrebcnden Formensprache wie in einem Spiegel die stetig freiere und ständig erinnerungsreichere Geschichte der Juden in Hessen ablesen, anhebend mit ihrer Constiluierung als einer sich selbst verwaltenden Körperschaft und sich vollendend in dem gewaltigen Erlebnis ihrer bürgerlichen Befreiung. Diese, der gesegnetesten Kräfte zukünftiger Ernten vollen Geschichtsmomente allein, die auch die Grenzpunkte unserer Darstellung zu sein verdienen, sind im Bewußtsein derer, die sie erfuhren und erfaßten, zu einem solchen Maß von Würdigkeit und Größe emporgewachsen, daß sie auf ganze Geschlechterfolgen hinaus und über Mode- und Geschmacksschwankungen hinweg einen sicheren Stil des Ausdruckes für ihre Verkünder hinterlassen haben. Und von diesem hohen Blickpunkt her betrachtet darf die kleine, fast allzukleine Geschichte der Juden in Hessen, ihrer Rechts-, ihrer Erzieliungs-, ihrer Kult- und ihrer Kunslformen die Beachtung Aller auf sich lenken, weil sie in all ihrer Enge und Fülle mit der überschaubaren Klarheit ihrer vielfältigen Einzelzüge ein geschlossenes Bild des allseilig hinausströmenden und in die eine Herzkammer zurückflutenden Lebens selber gibt, weil hier die Grenzen Hessens und die Begrenztheit der Juden in Hessen zugleich vor dem reinen Auge des Betrachtenden versinken, und die Geschichte heimattreuer Juden auf deutschem Boden schlechthin sichtbar wird. Erläuterungen Am Anfang stehen mit Fug und Recht die herrlichen Schreinvorhänge, der Stolz und Glanz dieser jungen Sammlung. Wie läßt sich aus ihnen Innigkeit und Liebe, Vertrauen und Wärme der Juden ablesen, die sie weihten! Da sind alle Farben und alle Stoffe, alle Musler und alle Bilder ihrer Wünsche und Seligkeiten. Grade als hätte sich die Fülle der Pracht, die sich die Juden noch 1719 selbst zu tragen verwehrten, „Sammet, Damast, rot, grün und blau, leibfarb ponecau und gelb" auf diese Tempelbehünge gcliäufl — Brokat und Seide, Gobelin und Alias. Neben glatten Stoffen vielfältige Musler, antike Brunnengewülbe unter schattigen Palmen, orientalische Granalapfelmotive und :u Tafel 1 abendländische Ornamentik. Die Liturgie, die nur an den Neujahrslagen, des Gerichts und der Versöhnung weiß als Farbe der Todesberoilschaft und Buße erforderte, schrieb keine Farbe vor, gestattete alle. Es lcuchlet und strahlt von diesen Behängen, die eifrige .Meisler der Paramonlik, jüdische Goldslieker und gewandte Tüchler und Frauen mit Bildexn, Symbolen und Schriften noch übersponnen haben. Der lachsrote Seidenvorhang, ein Erzeugnis der Compagnic des Indes, steht hier als schönstes Beispiel der Vorhänge, die, ohne an sicli in Bc/ug zum Kullzweck zu stehen, nur ihrer erlesenen Kostbarkeit den Zutritt zum Gotteshaus danken. Dieser, samt einer zugehörigen Decke zum Lese-