Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 8 (sequence 6)
- Language
- German
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Rudolf Hallo Angelegenheiten herauszulassen versucht und war so mit den Juden übereingekommen. Wilzenhausen zum Rabbinatssitz zu erwählen; jedoch dies Witzenhausen lag, als ob es im Lande selbst für diese Untertanen keine sichere Stätte geben dürfte — in einem seit 1G27 von Hessen abgeteilten souzeränen Teilgebiete: der Hesscn-Rotenburger Quart! Und erst 1772, als Kassel aufgehört hatte Feslung zu sein, ist nach gelegentlichen Versuchen, das Landrabbinat 1720 in den Vorort Beltenhausen (wo zwar seit iG3*> der noch heute bestehende Friedhof, und seit etwa 1700 das Krankenhaus war) zu verlegen, sein Sitz nach Kassel gelegt worden. Das hal, zumal den Juden die freie und stille Ausübung des Gottesdienstes gewährleistet war, in Einem Sinne zum Guten gewirkt: Witzenhausen war von all jenen Erschütterungen, die die belebtere Residenz durchzuckten, verschont geblieben. Während hier um 1600 versucht wurde, obligatorische Judenpredigten durchzuführen, während Hedwig Sophie, die Schwester des Großen Kurfürsten, i6G5 erwog, alle Juden aus den Städten auf die Dörfer zu verpflanzen (1779 beriet man die gegenteilige Siedelungspolitik!), während selbst eine so bevorrechtete Familie, wie die Goldschmidts, noch 1712 sich vom Staat in ihrem alleinigen Recht auf die „von so vielen Jahren her" in ihrem Hause Hinter dem Judenbrunnen befindliche Synagoge gegen selbständige Rabbiner und Mißvergnügte schützen lassen mußte — und vergeblich kämpfte, denn schon drei Jahre später durchbrach die Regierung selbst ihr Privileg und gestattete eine weitere Gebetsstätle —; währenddem vermochte sich Wilzenhausen in verhältnismäßiger Ruhe zu entwickeln. Hier, wo schon i5So ein Jude saß, der an den Landgrafen kostbare Kunstwerke lieferte, hier saß bald danach als Vorsteher der Gemeinden Hessens Samuel Stuckert oder Stuttgart, der Großvater des Mannes der Glückel von Hameln, hier gab um 1680 Joscl Wilzenhausen, der Übersetzer der Bibel ins Jüdisch-Deutsche, seine Bearbeitung der Sagen von König Artus Taten als jüdisches Hausbuch heraus, kulturgeschichtlich ein Dokument, das weit hinausragt über das gelegentliche Aufglitzern solonischer Spruchweisheit in Glückeis Memoiren, weil es den Zusammenfluß vielfältigster Bildungsslrömc in diesem wachen jüdischen Menschen des Jahrhundertendes zeigt. In Kassel hat man weder geschrieben noch gedruckt, wie etwa in Abterode oder gar in Hanau. Hier ging vielmehr das letzte Jahrhundert der jüdischen Abgeschlossenheit — trotz aller kameralislischen Erörterungen über die Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Juden im Staat, wie sie 1791 Casparsons „flüchtige Gedanken über den Nahrungssland Kassels" heraufbeschworen hallen — im wesentlichen mit einer erstaunlichen Sicherheit und Folgerichtigkeit auf die ästhetische und zivilisatorische Höherentwicklung weniger im Hofdienste stehender Familien mit ihrem Staat von Lehrern, Schreibern. Gehilfen und Hausbediensleten vor sich. Hessen-Kassel ist geradezu ein Muslerbeispiel für die von Priebatsch entwickelte Theorie der staatspädagogischen Vorbereitung der Emanzipation. Daß diese Arbeit in Hessen bis weit ins XVII. Jahrhunderl zurückreicht, daß ihr seit diesem die innere Bereitwilligkeit der jüdischen Führerschichl begegnete, beweist wohl weniges so gut, wie unsere Sammlung, die ja ganz überwiegend die Züge städtischer Kultur aufweist, so erfreulich umfänglich und scharf umrissen daneben auch die Volkskunst vertreten ist. 8