Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 10 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898648--02570-2898693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
pult des Almemor, ist nach der Inschrift, die silbrig-blau in das schilfgrüne Samtfeld eingestickt ist, ein Geschenk der Krankenpflege- und Beerdigungs-BrüdeTschaft Kassels von 1798. Eine einzige Zeile enthält Begründung und Bedeutung der Gabe: „Heilig dem Herrn". Nur durch sich selbst, durch die Farben und Lineamenle, die Chrysanthemen und Reiher, durch das Spiel der zittrigen Fischlein um die wässrig spiegelnde Mitte soll sie wirken und die Gesinnung der heiligen Gemeinschaft verkündigen. Sellen nur begegnet auf diesen Behängen ein unnützes Wort. Breit ist allein, und barock stilisiert, die Titulatur und Prädikatur jedes Stifters und jeder Stifterin: formelhaft, voller Abkürzungen, abstrakt bis zum Extrem — die Anfangsbuchstaben von 'Krone der Thora', anstelle der Krone! —, und nur belebbar für den, der einzudringen gewohnt und gewillt ist in diesen engen Kreis von schrift- und formelgewohnten, zut Schrift und Formbeachlung erzogenen Menschen. Kaum je ein Bibelwort, einmal nur — auf einem schneeweißen, gar wohl vom Hochzcilsgewand der Stifterin gearbeiteten Jom-Kippur- Vorhang aus Botenburg — ein Schriftvers, der die Versöhnung und SündenbedeckuTig des Tages ausspricht. Um so häufiger sind die Symbole des Tempels in seiner vergangenen Herrlichkeit, stetige, in fester Bildtradiition überkommene, neben tastend, ratend, sehnsüchtig erschaffenen Schöpfungen bildarmer Phantasie: dort Leuchter, Brandopfcrallar und Gesetz 2-- tafeln, hier Schaubrottisch, Lade, Zelt, Schöpfbrunnen und Wassergefäß. Ja Moses selbst mit den Tafeln erscheint, und ein Paar von Flügeln, bald als Flügel der Cherubim über der Lade, bald auch entkräftet zu bloß ornamentalen Yerkiammerungen, wie Flügelmänner am Rand einer paradierenden Reihe. Fulda, künstlerisch zur mainfränkischen Zone gehörig und mit heiterstem Rokoko gesättigt, hat in die schwerblütigere Sammlung niederhessischer Stoffe einen von diesen Symbolen vollen Vorhang gesandt, fürstlich im Glanz seines brokatenen Spiegels, ernst und fest im Umrahmungswerk der Barocksäulen unter der Thorakrone, die wie vom Schranke selbst auf den Vorhang herausgetreten erscheinen. Löwen, zwiegeschwänzl wie die Löwen des nahegelegenen llessen-Darmstadt, halten die Krone, Carlouchen von tänzelnd graziler Schwingung umschließen Stiflernamc und Datum. Der Kasseler Vorhang, den die Farblafel bringt, zeigt alles in Einem. Schwere silbrige Erläuterung zu Tafel 1 (Fortsetzung) Plattstickerei über erdbeerfarbenem Samtgrund, Weinlaub um die vasentragenden Säulen, golden die Krone der Thora und die hier einschwänzigen Löwen. (Auch Krone und Palmwedel des Seidenvorhangs sind nicht frei von heraldischer Bindung; so wie hier um den Namen des Herrn saßen vor 00, vor 100 Jahren Krone und Palmwedel auf den tagtäglichen Münzen ums hessische Wappen! Damals freilich, um 1S00, waren an ihre Stelle längst zopfige Schleifen getreten.) Darunter ein Spiegel von venezianischem Stoffe, azurblau, mit Silber bestickt, goldflitterbesäl, erhöht durch plastische goldenschimmerndc Krünchen. Auf dem Überhang, von dem schwere Goldquaslenherabhängen. die drei Kronen der Thora. der Kehuna und der Malchuth, das ist des Gesetzes, des Priestertums und der Königsherrschaft des Ewigen. Unten zwischen den Basen der Säulen ein jüngeres Schriftfeld — zusammengehörig mit einem zweiten, vertauschbaren Überhang voller Symbole und Schrift —, angefüllt mit der Bezeugung, daß von der „ehrenvesten und hochansehnlichen" Frau Blümchen dieser Vorhang, oder wie sie pretiös zu sagen beliebt, dies Gewebe, zu dem sie ihre Hände an den Spinnrocken gelegt (Sprüche Sal. 3i, ig), bestickt mit Zwirn (hier verwendet sie Worte und Anklänge aus dem 26. Kapitel des Exodus, der den mit Chcrubimgcslalten verzierten Stiftshüttc-nvorhang vorzeichnet), zur Bar mizwah ihres Sohnes Eliezcr Susmnnn, des Sohnes des verstorbenen Herrn, Herrn Vorstehers Israel Isserle Zangwert — aus St. Goar in der hessischen Grafschaft Rheinfcls —, am Sabbath des Hüllenfestes 174A gestiftet ist. Und als könnte sich die Mutter am Mündigkeilslag ihres Sohnes nicht genuglun in ihrer Bibelfesligkeit, hat sie selbst dieses Dalum chronogrammalisch in einen Schriflvers andeutend verhüllt, einen Schriftvers freilich, der wie eine Grundmelpdie unter dem ganzen Gefüge von Formeln und Salzen steht: „Und nun habe ich auserlesen und geheiligt dies Haus, daß mein Name darin währe in Ewigkeit." Das ist viel und laut, und doch ist noch das Stillste und Tiefste vergessen: die seltsamen Sinnbilder in den Ecken des blauen Spiegels, das uraltchrislliclie Liebessymbol des Pelikans, der sich die Brust mit eigenem Schnabel aufreißt, um mit dem Herzblut seine Brut zu nähren! Fürwahr, ein befremdendes Bild an dieser Stelle. Kannte die kluge Mutter den Sinn des Bildes nicht? Oder hat sie nicht eher geglaubt, dies Beispiel einer alles verschenkenden Liebe auf sich, die Witwe und Hüterin ihres Kindes, umdeuten zu dürfen? to