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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 674

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-02-01
Page
674 (sequence 6)
Language
German
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Anzeigen Der Gesamtumfang des ganzen Werkes wird 3oo Druckbogen nicht überschreiten. Bis Ende zg3i soll die ganze Arbeit abgeschlossen sein. Jede Lieferung von drei Bogen zu je iß zweispaltigen Seiten kostet in der Subskription Mark 1.80. Das Werk ist unentbehrlich für jeden, der sich mit den religiösen und sittlichen Fragen in Vergangenheit und Gegenwart zu beschäftigen hat. J. Berthold Rosenthal: Heimatgeschichte der badischen Juden seit ihrem geschichtlichen Auftreten bis zur Gegenwart. Bühl, Verlag Konkordia A. G. 1927. Geb. 10 Mk. In der Geschichtswissenschaft der letzten Jahre macht sich als Gegenströmung und Ergänzung zu der universa'geschichtlichen Betrachtungsweise ein verstärktes Interesse für Landes- und Lokalhistorie bemerkbar. Sieht man aber von den gutgemeinten Bemühungen der Landpfarrer und DorfschuUehrer ab, so kann man darin das Bestreben erkennen, neben der Abstraktion die Anschauung, neben den „großen Zusammenhängen" das Individuell-Einmalige zur Auswirkung kommen zu lassen. Parallel mit dieser allgemeinen Interessenrichtung hat sich auch die jüdische Forschung mit besonderer Liebe der Geschichte der kleineren Gemeinschaften (bis herab zur Familiengeschichte) zugewandt, und in Vereinen, Ausstellungen und Museen, in Zeitschriften und Einzel werken sucht man die Dokumente der Vergangenheit zu sammeln und, wenn möglich, zu neuem Leben zu erwecken. Die Heimatgeschichte der badischen Juden von Berthold Rosenthal wendet sich natüilich in erster Linie an die badischen Juden selbst. Zum erstenmal wird ihnen in zusammenfassender Schilderung Leben und Leiden ihrer Vorfahren vor Augen geführt. Eine Besprechung an dieser Stelle aber rechtfertigt sich aus anderen Gründen: Wir haben bis heute noch keine befriedigende Gesamtdarstellung von der Geschichte der Juden in Deutschland. Ein Baustein zu dem zukünftigen Gebäude ist Rosenthals Heimatgeschichte. Ein reichhaltiges Material wird hier z.T. aus den Originalquellen zutage gefördert. Man lernt geschichtliche Tatsachen kennen, die bisher in den Archiven verborgen lagen und die ganz neue Seiten des jüdischen Lebens enthüllen. Dies trifft besonders für den 3. und £. Abschnitt zu. Für die meisten Landesteile gab es bisher übeihaupt keine Darstellung. Die Bilder, die Rosenthal gibt, sind nicht nur lokalhistorisch interessant, sondern auch ein wertvoller Beitrag zur allgemeinen Kulturgeschichte. Vor allem verweis» ich hier auf die rechts- und kulturgeschichtlich instruktive Schilderung einer „Urfehde" (Anhang, Anlage II). Allgemeine Beachtung verdienen auch die Abschnitte, in denen die Kämpfe um die rechtliche Gleichstellung im 19. Jahrhundert dargestellt werden. Dem jungen Kunststaat Baden kommt ja überhaupt für die politische Ideengeschichte und die Entwicklung des Konstitutionalismus in Deutschland eine besondere Bedeutung zu. In der Zeit des Vormärz, als vielerorts eine brutale Zensur herrschte, war der badische Landtag die Tribüne, von der man zu ganz Deutschland reden konnte. Die Revolution 1848/49 hat das Land tiefer erschüttert als irgendein anderes in Deutschland, und unter Großherzog Friedrich I. hat der strenge Konstitutionalismus und die Ausbildung zum Rechtsstaat Baden den Ruf des „Mustcrländles" eingetragen. Gleichsam als ein Schulbeispiel für die anderen Bundesstaaten kann man denn auch die Emanzipationskämpfe der badischen Juden ansehen. Hier sollte die erste Bresche in das System der Rechtlosigkeit gelegt werden, und nicht umsonst ist ein Gabriel Rießer als Anwalt der Unterdrückten aufgetreten. Auch für die innere Entwicklung des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert ist das Material, das Rosenthal bietet, beispielhaft: über die Reformbestrebungen, Umgestaltung des Gottesdienstes, Schaffung einer Synodalverfassung und Tätigkeit des Kirchenparlaments wird ausführlich berichtet. Baden hatte bereits 1809 die jüdische Gemeinschaft als eine Art jüdischer Landeskirche in das Staatsgefüge einzuordnen, versucht. Diese Organisation zeigte alle Vorzüge und Schwächen des Staatskirchentums, das in erster Reihe als Stütze des Throns gedacht war. Sie zeigt aber auch, wie mit Hilfe des Zusammenschlusses, wenn auch unter den Fittichen des Polizeistaates und des Bürokratismus, gemeinsame Ziele gesteckt und verwirklicht werden konnten. Wer sich in Zukunft mit der Geschichte der deutschen Juden beschäftigt, wird nach Rosenthals „Heimatgeschichte" greifen müssen. Robert Elsasser. 674

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