Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 666

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Klage gegen die Zeit von dem Weisen Don Jehuda Abrabanel
Date
1928-02-01
Page
666 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898457--02509-2898613
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Klage gegen die Zeit von dem Weisen Don Jehuda Abrabanel. Wer wird kosten und genießen nach der Zeit meines Verscheidens die Frucht meiner Religion und meines Schreibens? Wer wird verstehen, was die Einsicht birgt in meinen Büchern, Zeugnisse von meines Vaters Werk, des Hochgestellten? 100 Wer wird im Durste schöpfen das Wasser meiner Quelle, und wer wird es trinken in Dürre und Hitze? Wer wird sorgsam pflücken die Blumen meiner Pflanzung, und den Baum der Erkenntnis, wer wird ihn mir pflücken und fällen? Wer wird abschließen und vollenden meine Werke und wer wird das Kleid weben kreuz und quer? Wer wird sich mit dem Schmucke meiner Religion schmücken nach meinem Tode und wer wird reiten auf dem Maultier des Hochgestellten? Bloß du, Geliebter meiner Seele, mein Erbe, den ich meinem Gott als Bürge schulde. Nach dir dürstet, nach dir schmachtet mein Leib, mit dir werde ich meinen Durst und nieinen Hunger stillen. Dir steht zu meine herrliche Einsicht und der Glanz meines Wissens und die Weisheit, die in mir leuchtet. Ihrer ein Teil ist das Vatererbe meines Lehrers, des Vaters der Weisheit, er mein Lehrer und Meister, Und zum Teil durch meine Mühe erworben: ich eroberte es durch meinen Bogen und mein Schwert. Meine Gedanken vertieften sich in ihr und die Weisen Edoms waren wie Heuschrecken in meinen Augen. 110 Ich ging in ihre Akademien, aber niemand, der den Kampf mit mir aufnähme. Ich besiegte jedermann, daß er vor mir schwieg, ich beuge und setze ins Unrecht meinen Gegner. Wer denn würde es wagen, sich zu nahen dem Urgrund und dem Geheimnis von Wagen und Reiter? Meine Form liegt in einer Veste — meine Form ist umfestigt, umschlossen, gefesselt im Käfig, Und sehnt sich, ihre Stufe emporzusteigen, und begehrt, sich aufzurichten auf der Leiter. Mein Geliebter, was tust du unter dem Volke des unreinen Herzens, wie der Apfelbaum im dürren Walde? Und deine reine Seele unter den Völkern wie eine Rose zwischen Dornen und Kraut? Auf! geh und komm zu meiner Wanderung, flieh und sei gleich der Gazelle und dem Hirschen. Geh in das Haus deines Vaters, zum Stamm, der dich gebar. Es schütze dich Gott, mein Beschützer. Er, mein Gott, ebne deinen Pfad, und aus der Enge bringe er dich ins Weite. 120 Er gebe die Segnungen meiner Ahnen über dein Haupt und dazu noch den Segen meines Vaters und Großvaters. Erleuchten möge er das Finster meines Geistes und umwandeln möge er in der Fülle seiner Gnade zum Geraden das Krumme. Gott meinem Hirten überantworte ich meine Macht und Gott meinem Vater übergebe ich meine Last 666

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.