Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 659 (sequence 7)
- Language
- German
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Prinzipiell© Bemerkungen zu den unter den anderen Völkern, sondern den Verzicht auf eine Fiktion; nämlich auf die Fiktion einer quer durch verschiedene Völker sich erstreckenden jüdischen „Nation", die die Juden angeblich verhindert, eine andere als die jüdische Nationalität zu haben. Ich sage auch nicht, daß die Verschiedenheit des deutschen Juden von andern Deutschen zu leugnen oder radikal aufzuheben sei- Den Satz, den Weltsch mir zuschiebt: „Weil ich liberal bin, darfst Du nicht anders sein als andre", stoße ich von meiner Tür. Mein Liberalismus meint: Gerade weil Jeder von Jedem verschieden ist, muß auch das Verbindende lebendig erhalten werden. Weltsch denkt (in der Webe aller Nationalisten): Weil Unterschiede sind, müssen sie betont und auf die Spitze getrieben werden. Wir denken: Weil Unterschiede sind, muß das trotzdem Verbindende betont, darf es jedenfalls nicht vergewaltigt werden. Das eben nenne ich „den Dämonen Raum geben", wenn man Verschiedenheit gleichsetzt mit „ausschließendem Gegensatz". Aber wir reden hier von diesen Dingen, als handle es sich um rational Beweisbares und Widerlegbares. In Wirklichkeit geht es um geistige Grundentscheidungen, die sich hier vor uns stellen in Gestalt der Frage: erkennen wir das Vorhandensein einer jüdischen Nationalität an, die den Juden vor allen anderen Bestimmungsgründen seines Daseins positiv und negativ, angliedernd und ausschließend bindet, oder leugnen wir sie. Weltsch und Kohn betrachten diese Frage als längst gelöst und entschieden. Wir (und mit uns Millionen von Nicht-Juden und Juden) betrachten sie als erneut aufgeworfen, und zwar durch die Diaspora, einer zionistischen Schrift durch die Emanzipation, durch jene ganze Entwicklung, die unter anderem zu dem nicht unwesentlichen Ergebnis geführt hat, daß die Staatsgrundgeselze der meisten Kulturstaaten eine jüdische Nationalität im oben bezeichneten Sinne weder kennen noch anerkennen. Ja wir müssen weitergehen und sagen: Nicht nur erneut aufgeworfen ist für uns jene Frage, sondern auch schon erneut entschieden; mindestens für den weitaus größten Teil aller Juden, die nicht unter den Begriff der Ostjuden fallen. Diese beiden gegnerischen Auffassungen werden nicht friedlich zu einander finden. Sie werden sich in offenem Feld begegnen und einander bekämpfen müssen, und dieser Kampf wird wahrscheinlich sehr lange dauern. Vorläufig tut es Not, daß in diesem Kampf heute schon Jeder, der näher oder ferner davon betroffen ist, seine Fahne wähle; und dies habe ich tun wollen mit meiner Äußerung über das Buch von Kohn und Weltsch. Das mögliche Ergebnis dieser großen Auseinandersetzung kann kaum vorausgesagt werden. Es ist historischpolitische Tat oder Schöpfung, um die es geht: soll sich die endgültige Herauslösung der „jüdischen Nation" vollziehen oder die endgültige Eingemeindung der Juden in die sogenannte moderne Kulturwelt, der sie zum Teil schon seit fast zwei Jahrtausenden angehören? Der Nichtjude wird die erstere Tendenz kaum anders sehen können als die analogen Tendenzen in seinem eigenen Volk, also z. B. den Versuch, die Deutschen festzulegen auf jenen blonden nordischen Typus, über den um so mehr Bücher geschrieben werden, je weniger er sich als der beherrschende Typus erweisen läßt und je heftiger sich die Wirklichkeit 659