Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 660 (sequence 8)
- Language
- German
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Wilhelm Michel unsres historisch gewordenen Volkswesens gegen eine solche verarmende und einschränkende Idealbildung sträubt. Und weiter wird sich zeigen, daß die große Grenzlinie zwischen denjenigen, die mehr aus dem blutmäßig Gründenden und Isolierenden, und denjenigen, die mehr aus dem historisch und geistig Verbindenden leben wollen, auch mitten durch die Judenheit geht Dieser bisher schlafende Gegensatz ist heute gerade am Erwachen. Er wird mit Gewalt ausbrechen müssen, um klärend nach beiden Seiten zu wirken. Am nächsten aber ist mir in Weltschs Antwort der Schlußabsatz gegangen. Ja, ich sage nicht zu viel, wenn ich sage, daß er mich erschüttert hat Ich sehe Menschen Menschliches tun. Genauer: ich sehe Juden den stärksten Aufforderungen, den väterlichsten Lockungen Gottes, des Herrn der Geschichte, folgen, indem sie Wurzel schlagen im Erdboden, den ihnen Gott unter die Füße gegeben hat, indem sie mit vollen Lungen die Himmelsluft atmen, die um sie ergossen ist, indem sie das Geheimnis des Lebens nehmen, kindergleich, wie es sich ihnen greifbar und sichtbar darbietet, ganz geschöpflich, ganz durchdrungen von der Allgegenwart dessen, dem man auch auf Flügeln der Morgenröte nicht entflieht — und wenn ich dies mit dem einfachsten Namen nenne, der sich hier anbietet, mit dem Namen „Lebensfrömmigkeit", so wird dies von einem Menschen, der Gebt und Herz hat, „nicht verstanden". Weltsch kann in der empirischen Assimilation den ideenhaften Zug (denn „heroisch-martyrisch" möchte ich ihn nicht nennen) nicht finden, von dem ich gesprochen habe. Auch ich habe keine Enquete über die Beweggründe der Assimilation veranstaltet Sie scheint mir so überflüssig wie eine Enquete über die Grunde, weshalb Baumknospen sich der belebenden Sonne öffnen. Assimilation ist Lebensfunktion schlechthin und eben dadurch ideenhaft. Wie soll man es anders nennen als „Lebensfrömmigkeit", wenn ein Geschöpf sich in die Bedingungen seines Daseins schickt, wenn es sich in seine Ordnung stellt und die Sonne anerkennt, die über ihm ist? Oder wollen wir jenem Juden zustimmen, der mir auf meinen ersten Aufsatz hin schrieb, der Jude lebe nicht so sehr mit der Gegenwart, als mit der Vergangenheit und vornehmlich mit der Zukunft, und Christus habe schon durch die Mahnung „Sehet die Lilien auf dem Felde" das Tafel tuch zwischen sich und dem Judentum zerschnitten? Wie stimmt das zu dem, was mir ein anderer Jude einmal sehr eindrucksvoll ausführte: daß es unjüdisch sei, feste, trotzige und auf lange Zeitdauer angelegte Häuser zu bauen, daß es dem Juden entspreche, in einem Hause zu wohnen, das sich mit ihm selber verbraucht, weil menschliches Gemächte nichts gilt vor der Gewalt des lebendigen Gottes, auf den allein Vertrauen zu setzen ist? Wie dem auch sei: da auch der Jude unter der allgemein menschlichen und geschöpflichen Psychologie steht, so ist keine Beweisführung aufzustellen oder auch nur zu erdenken, daß Assimilation einen andern Kern und Grund habe als den der „Lebensfrömmigkeit". Der Mensch kann freilich mit seinem Wollen, seinem Begehren, seinem Zweckdenken alles verfälschen und verschmutzen; und so mag sich — wie ich schon lange zugegeben habe — in lausenden von Fällen auch an die Assimilation trübseliges Zeug von Feigheiten und Berechnungen gehängt haben. Aber was in einer großen 660