Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898456--02500-2898605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Robert Weltsch 3en, daß Nichtjuden und obendrein liberale so denken wie Michel, nämlich, daß sie die restlose Assimilation als Bedingung der Emanzipation und sogar beinahe des physischen Leben-dürfens aufstellen, muß ihr Leben etwas Gezwungenes und innerlich Unfreies bekommen. Darum glauben wir, daß wir aus allgemeinmenschlichen und sittlichen Gründen einen Anspruch darauf haben, daß die Welt unsere Lage und sogar die Eigenart unsres Nationalismus nicht nur „versteht", wozu Michel bereit wäre, sondern auch praktisch respektiert. Daß die nationale Selbstbesinnung des Zionismus nicht ihren Charakter einer menschlichgeschichtlichen Orientierung und geistigen Befreiung verliert, daß sie nicht in das Fahrwasser herkömmlicher, gegen Andersartigkeit intoleranter nationalistischer Ilybris gerate, dagegen kämpfen wir in unserem Buch. Mein zweiter Einwand gilt Michels Auffassung von Gleichberechtigung. Dies ist nicht mehr eine jüdische Frage. Die Idee der Humanität fordert eine Annäherung der Menschen, ohne die die Menschheit nicht bestehen könnte. Aber gerade in dieser hohen Sphäre darf es keinen Trug geben. Ich darf nicht sagen: Du bist mein Mitmensch und Bruder; wärst Du jedoch durch Deine Eigenart von mir verschieden, dann könnte ich Dir Gleichberechtigung nicht zuerkennen, daher bist Du, da ich liberal bin, nicht verschieden. Liberalismus darf nicht davon ausgehen, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf". Sondern die freilich sehr schwere, viel Selbstbeherrschung heischende Aufgabe gerade des liberalen Menschen ist nach unsrer Meinung die, die mm einmal gegebenen Trennungen anzuerkennen, sie jedoch ihrer „Dämonie" zu berauben, vielleicht dadurch, daß man diese ganze menschliche Problematik des Mit-einander-sein-müssens ins Bewußtsein hebe. Ich will hier nicht auf die politische Frage eingehen, innerhalb deren Bereichs nachzuweisen wäre, daß auch von der Mehrheit unterschiedene Minderheiten im Staate vollwertige Bürger sind; dies gilt für nationale, religiöse und sonstige Minderheiten — die Juden werden niemals restlos in eine Kategorie einzureihen sein. Was Michel über die Lebensfrömmigkeit der Assimilation sagt (auch vor einiger Zeit an anderer Stelle) verstehe ich nicht, und so kann ich nicht dagegen polemisieren. Dieses „Widerstrebe nicht dem Übel" kann m. E. an Beispielen aus dem persönlichen Leben ad absurdum geführt werden. Vor allem sehe ich nicht in der geschichtlichen Realität, daß die empirisch-jüdische Assimilation diesen heroischmartyrischen Zug aufweist, eher kann man das Gegenteil feststellen. Eine Diskussion dieses Punktes aber würde den Rahmen dieser Entgegnimg sprengen. Wilhelm Michel schreibt: Ich glaube zwar nicht, daß politische Überzeugungen (zumal wenn sie so enge mit geistigen Grundentscheidungen zusammenhängen wie hier) durch Erörterung wesentlich verändert werden können. Aber man läßt nicht gerne in der Argumentation des Gegners Dinge stehen, die die eigene Meinimg verzeichnet wiedergeben. Das ist bei Weltsch — ganz gewiß ohne Absicht — der Fall. Ich setze nicht „restlose Assimilation" als Preis für die Gleichberechtigung der Ju- 658