Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 656 (sequence 4)
- Language
- German
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Hans Kohr» Einfluß des Zionismus, wenn ihm auch vielfach nicht bekannt, ihr Judentum wiedergefunden. Den Unterschied, den Dr. Jacob zwischen einer Assimilation im Akkusativ und im Dativ macht, kennen auch wir, und auch wir geben zu und haben es immer zugegeben (wie schon Achad Haan» in seinem Aufsatze „Nachahmung und Assimilation" hervorgehoben hat), daß das Judentum, so wie jedes andere Volk, stets die seinem ursprünglichen Wesen gemäßen Elemente der Umwelt sich assimiliert. Dies werden und wollen wir auch weiterhin tun, und wir stimmen mit Herrn Dr. Jacob auch darin überein, daß es die Aufgabe der Lehrer und Führer des Judentums ist, zu verhüten, „daß es sich assimilierend auflöse, eine Gefahr, die allerdings inmitten einer Welt, die äußerlich auch viel mächtiger und so verführerisch ist, beständig droht". In dieser Auffassung der Assimilation stimmen wir vollständig mit Herrn Dr. Jacob überein, nicht so können wir es mit Herrn Michel. Herr Michel mißversteht unsere Auffassung der Assimilation. Wir haben den hohen moralischen und kulturellen Wert der Assimilation in ihrem Beginn nicht nur eingesehen, sondern in unseren Schriften immer wieder betont Es ist unsere Ueberzeugung, daß die jüdische Renaissance am Ausgang und zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch eine Synthese zwischen Chassidismus und Aufklärung oder Assimilation entstanden ist. Wir sehen gerade in Moses Heß und Martin Buber die hervorragendsten Führer dieser geistigen Renaissance, weil sie beide die Synthese dieser zwei Elemente, des Chassidismus und der Assimilation vollzogen haben. Wir glauben nur, daß die Assimilation oft in eine würdelose und opportunistische Form ausgeartet ist (und darin stimmt mit uns Herr Dr. Jacob überein, wenn er schreibt, daß wir recht haben, „die ganze Schale unseres Zornes über die sich selbst preisgebende, ihr Judentum versteckende oder verleugnende, alles Nichtjüdische anbetende Charakterlosigkeit auszugießen, die die größere Hälfte des vorigen Jahrhunderts besonders in Deutschland zu einem traurigen Kapitel der jüdischen Geschichte macht".) Wir glauben aber auch, daß diese Assimilation in einer höheren Synthese überwunden werden muß und daß die entscheidenden Kräfte im Leben eines jeden Juden, wie Martin Buber in seiner ersten Rede über das Judentum ausgeführt hat, seine jüdische Erbmasse bildet. Dies verhindert uns nicht, die geistige Assimilation für den Lebensprozeß des jüdischen "Volkes anzuerkennen. Wir haben dies immer in unseren Schriften hervorgehoben. Ich selbst habe erst vor kurzer Zeit geschrieben: „Die Assimilation des 19. Jahrhunderts hat in der Geschichte des Judentums ihre große Bedeutung. Sie war ein revolutionärer "Vorgang, der in die Leere des Ghettolebens neue Kräfte und Bewegung brachte und sich hiermit ebenso schöpferisch und zukunftweisend erwies, wie der Chassidismus. Die Assimilation eröffnete dem Judentum neue Horizonte, sie bereicherte sein Denken und Fühlen, sie leitete eine jener fruchtbaren Verbindungen zwischen" Judentum und allgemeinem Wesen ein, wie sie das Judentum mehrfach erfahren hat". (Jüdisches Lexikon 1. Bd., Spalte 52o.) Es tut uns leid, daß die beiden Referenten, vor allem Herr Michel, sich nicht mit unserem Buche, sondern mit einem 656