Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Universalismus und Toleranz im Judentum [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 651 (sequence 12)
- Language
- German
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Universalisinus und Toleranz im Judentum rangen vorgebeugt, die die Spannung zwischen Menschengruppen verschiedener Denkweise oft unheilbar verschlimmert haben. 3. Es ist endlich durchaus möglich, daß gerade das treue, opferbereite- Festhalten an der eigenen Religion zum Verständnis der Treue des Andersdenkenden führt. Besonders möglich ist das im Altertum, das das Festhalten an der Vätersitte höher zu bewerten geneigt ist als die Neuzeit unter dem Einfluß so mancher geistiger Revolutionen zu tun pflegt „Hat je ein anderes Volk seine Götter vertauscht — die doch keine Götter sind", ruft schon der Prophet Jeremia (2, 11) Israel zu. Von hier aus verstehen wir, wenn im Talmud gelegentlich, wie Guttmann i44, 2 nachweist, das Festhalten mancher Heiden an ihrem Kultus entschuldigt wird mit den Worten „der Brauch ihrer Väter ist noch in ihrer Hand". Die materiellen Bedenken gegen den Inhalt ihres Tuns werden ganz offensichtlich gemildert durch die Anerkennung für das formale Prinzip der Treue, das dem völligen Bruch mit dem Väterglauben entgegensteht Von hier aus hat Guttmann vollkommen recht, wenn er S. 160 ff. das Verhältnis eines Menschen zu seiner Religion mit demjenigen eines Kindes zu seiner Mutter vergleicht, natürlich nicht um dies Verhältnis erschöpfend darzustellen, aber allerdings um eine sehr wichtige Seite dieses Verhältnisses scharf zu beleuchten. Kann nun das Judentum aus den Gründen, aus denen es jedem sittlich lebenden Christen gegenüber volle Duldung üben kann und muß, sie auch gegen sich vom Andersdenkenden fordern? Nicht ohne weiteres. Hier wird jede Religion von ihren Voraussetzungen aus urteilen müssen, das Christentum also von seinem Universalismus aus, der die Anerkennung des vollen Lehrinhalts der eigenen Religion verlangt Diese Spannung schließt ja aber das Verständnis für das fremde Denken nicht notwendig aus. Vergiftend wirken dagegen jene Darstellungen der fremden Religion, die nicht nur die Objektivität vermissen lassen — niemand ist gegen seine Religion und gegen deren geschichtliche Gegnerinnen objektiv —, sondern auch den Willen zur Gerechtigkeit, dessen wir alle fähig sind. Statt gerechte Kritik zu üben, hat man, wie Guttmann in seinem Schlußkapitel ausführt, den Kampf gegen das Judentum nicht nur von christlicher, sondern auch von ungläubiger Seite mehrfach mit den Methoden der Verhetzung geführt, die man ja inzwischen auch im Yölkerleben mit teuflischer Geschicklichkeit hat anwenden lernen; man hat „mit Waffen, statt mit Beweisen gekämpft" (Guttmann 281 ff.). Man hat etwa Vorwürfe, die von antiken Schriftstellern gegen beide Religionen des gemeih- 42* 65t