Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Universalismus und Toleranz im Judentum [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 652 (sequence 13)
- Language
- German
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I. Heinemann: Universalismue und Toleranz im Judentum samen Universalismus wegen erhoben worden, einseitig gegen das Judentum ausgespielt — während es überaus bezeichnend ist, daß nicht nur der Vorwurf der Gottlosigkeit und des Menschenhasses auch den Christen gemacht wurde, sondern daß nach den Kirchenvätern die Enttäuschung über Wasserschäden, Regenmangel, Hungersnot sich einst im Schrei nach Christenmetzeleien entlud (Guttmann 2 84 f.), yf^e später in Judenhetzen. Man hat in „polemischer Zitatenwahl" Ausrufe der Entrüstung, zu denen im Laufe der Jahrtausende sich gequälte Juden gedrängt fühlten, nicht nur als Zeugnisse für die Eigenart der jüdischen Dogmatik verwertet (wiewohl an solchen Stimmen in keinem Schrifttum Mangel ist), sondern Gegenzeugnisse -geflissentlich unterschlagen (294 ff.). Und während man die Schattenseiten der eigenen Religion nach Möglichkeit auf jüdische Nachwirkung zurückzuführen suchte, hat man Hilleis Forderung, „was dir unlieb ist, tu' auch dem anderen nicht", wegen ihrer „negativen Fassung" als sehr bescheiden hingestellt (326 ff.) — und selbst dieser (übrigens wörtlich so in der Apostellehre gefaßten) Forderung sehr eigentümlich entsprochen, indem man gegen die fremde Lehre Methoden anwandte, mit denen man die eigene wahrlich nicht bekämpft sehen möchte. Wir glauben nicht, daß Guttmann denselben Vorwurf von christlicher Seite zu befürchten haben wird. So sehr er nach Klarheit und Schärfe in der Fassung der grundsätzlichen Gegensätze ringt, so sehr hält sich der Ausdruck und die Stoffwahl innerhalb der Grenzen, die vornehmer Kampfesweise gezogen sind. Nirgends zeigt er die Neigung, die fremde Religion herabzusetzen; und wenn es nahe gelegen hätte, auf die Blütenlese Eisenmengers mit einer Parallelensammlung aus dem christlichen Mittelalter zu antworten, die sich aus den ihm bekannten Darstellungen leicht hätte gewinnen lassen, so bleibt er sich doch stets bewußt, daß die Religionen heute gemeinsame Feinde haben, ja, selbst ihre gefährlichsten Feinde werden, wenn sie die Auseinandersetzung miteinander nicht in dem Geiste der Liebe führen, die sie bekennen (S. 373). Auch aus seiner Polemik gegen die Herabsetzung der eigenen Religion spricht weniger die Entrüstung des Juden, der sein Heiligstes durch Unwissenheit oder Einseitigkeit verkannt sieht, als das Erstaunen des Gelehrten, daß Männer, mit denen er gemeinsam die Wahrheit zu suchen gewohnt ist, ihre Namen zur Deckung von Gedanken hergeben, die mit echter Wissenschaft nichts gemein haben. Möge das Buch Leser finden, die die reiche Fülle des Wissens und des Geistes, die es ausstreut, zu schätzen und zu nutzen wissen und sich selbst von dem Hauche dieser vornehmen Gelehrtenseele mitergriffen fühlen. 652