Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Universalismus und Toleranz im Judentum [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 650 (sequence 11)
- Language
- German
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I. Heinemann wie sie etwa in den einleitenden Worten zur Völkertafel der Genesis „dies ist das Buch von den Abkömmlingen des Menschen" eine Mahnung zu allumfassender Menschenliebe gesehen haben (S. 175). Er hätte sich auch darauf berufen können, daß der rabbinische Sprachgeisl für den Menschen in seiner Eigenschaft als Gottesgeschöpf ein besonderes Wort geprägt hat, das in Zusammensetzungen wie oheb et habb'riot zur Umschreibung des griechischen Begriffs der philanthropia (lateinisch humanitas) dient Das Verhältnis zum griechischen Altertum ist sehr lehrreich, in Überemstimmung wie in Abweichung: während dort die Idee der einen Menschheit (und damit zusammenhängend die Forderung des Pazifismus) entweder logisch aus dem Begriff des Menschen abgeleitet oder auf den Nachweis der Interessengemeinschaft aller Menschen begründet wird, erscheint sie im Judentum, und zwar mit besonderer Deutlichkeit im rabbinischen Judentum, als religiöse Forderung auf Grund der Anerkennung Gottes als des Weltschöpfers. Betrug gegen Menschen gilt dem Talmud als Verleugnung Gottes (Guttmann S. 341)- So führt derselbe Universalismus, der gegen irriges Denken „unduldsam" macht, zugleich zur Anerkennung eines jeden, auch des Irrenden, als Menschenbruders. 2. Je reiner sich der religiöse Universalismus seiner Eigenart bewußt wird, um so eher wird er dazu neigen, die Religion nicht als Gemeinschaftssache, sondern als Angelegenheit des Einzelnen zu betrachten. Alsdann aber gelangt er sehr leicht zu einem religiösen Individualismus, der es grundsätzlich ablehnt, den Einzelnen für die Sünden der Gesamtheit, der er angehört, verantwortlich zu machen. In der Bibel zeigt sich dieser Individualismus in der schönen Bitte Abrahams für die Gerechten, die sich auch in Sodom finden möchten, und in der Bestimmung, daß jeder nur für seine Schuld büßen soll (Deut 2 4, 16; Ez. 18, 4) i «ad während fanatische Nichtjuden harte Vorschriften der Bibel über die Behandlung Ungläubiger mehr als wörtlich befolgten und die Beachtung des Beispiels Abrahams ausdrücklich ablehnten (Guttmann S. 224!), hat der Talmud in genau entgegengesetzter Weise allgemein ausgesprochene Strafvorschriften der Bibel im Geiste ihres eigenen Individualismus verstanden: das Urteil über eine des Götzendienstes überführte Stadt darf nur an solchen Personen vollstreckt werden, denen persönlich die Teilnahme am Götzendienst nachgewiesen worden ist; die Bestimmungen gegen die heidnische Urbevölkerung Palästinas gelten nur für solche Personen, die es ablehnen, sich den universalen, nicht auch den partikulären Vorschriften zu unterwerfen (Guttmann 220 ff.). Durch diese individuelle Betrachtungsweise wird Verallgemeine- 650