Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 649

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Universalismus und Toleranz im Judentum [Rezension]
Date
1928-02-01
Page
649 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898455--02490-2898596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Universalismus und Toleranz im Judentum nach dem Ergebnis neuerer Forschungen der Apostel seine Zutaten zur jüdischen Religion vielfach den hellenistischen Volksreligionen entnahm. Nun aber ist der Glaube, daß nicht die Sittlichkeit, sondern das Wissen um bestimmte Geheimnisse, also das durchaus „Partikuläre" in Guttmanns Sinn, dem Menschen zur jenseitigen Seligkeit verhilft, gemeinsame Lehre aller Mysterienreligionen des Altertums. Mag man also hier eine Entlehnung des Paulus sehen oder lieber ein Ergriffensein vom allgemeinen Geist der Mysterienfrömmigkeit, so viel ist gewiß: nicht nur manche Einzellehre der Dogmatik, sondern die Eigenart des dogmatischen Prinzips selbst, die Lehre, daß die Anerkennung partikulärer, also den Menschen ganzer Erdteile völlig unbekannter Wahrheiten die Vorbedingung zur Seligkeit sei, stammt aus dem Geiste der hellenischen Mysterienreligionen. Auch das Judentum zeigt sich vom Hellenismus nicht völlig unbeeinflußt^ wenn es die in der Bibel zurücktretende Jenseitsfrage stark in den Vordergrund stellt Aber mag die Problematik von der Umwelt abhängig sein, die Lösung ist durchaus die biblische; die Erfüllung der rein menschlichen Anforderungen, die den Propheten zur Erreichung des Wohlgefallens Gottes genügte, reicht nach dem Talmud aus zur Gewinnung der ewigen Seligkeit. Trotz dieser Beschränkung auf das Übergeschichtliche enthält natürlich der jüdische Universalismus, wie jeder religiöse Universalismus gläubiger oder freigeistiger Art, ein Moment der „Unduldsamkeit", das den freundschaftlichen Verkehr mit dem Außenstehenden gefährden kann. Darin trifft, so paradox es klingt, der religiöse Universalismus mit jedem nationalen Partikularismus zusammen. Während aber der letztere schrankenlos einen „heiligen Egoismus" bekennen oder dem Grundsatz „Recht oder Unrecht — mein Land!" huldigen kann, erzeugt echter religiöser Universalismus aus sich selbst versöhnende völkerverbindende Kräfte. Insbesondere erwachsen solche Lehren im Judentum, sie treten mehrfach in Guttmanns Darstellung hervor und verdienen eine zusammenfassende Würdigung. i. Das Judentum vertritt mit großem Nachdruck die Lehre von Gott als dem Schöpfer aller Menschen. Diese Lehre aber muß notwendig zu der Anerkennung der Bruderschaft aller Menschen führen, wenn nicht etwa, wie Walther von der Vogelweide klagte, „das starke Wort sehr schwach empfunden wird". Und Guttmann zeigt, mit welcher Deutlichkeit die Talmudlehrer empfanden, daß „mit dem Monotheismus der Monoanthropismus gegeben ist" (S. 3), 42 649

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.