Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Universalismus und Toleranz im Judentum [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 643 (sequence 4)
- Language
- German
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Universalismus und Toleranz im Judentum Andersdenkenden, wenn diese in vollem Umfang verstanden wird, in einen Konflikt, der zunächst unter Vermeidung der Schlagwörter dargestellt werden mag. Wenn ich etwa den Alkohol nur für -meine Person und für meine Familie aus besonderen Gründen ablehne, so geht mich die Stellung meines Nachbarn zur Alkoholfrage schlechterdings nichts an. Bin ich aber grundsätzlicher Alkoholgegner, so brauche ich zwar nicht notwendig Zwangsmaßregeln („Prohibition") zur Bekämpfung des Alkohols zu befürworten und kann mit meinem weinfreudigen Nachbarn befreundet sein; aber freilich muß es mir leid tun, daß er Grundsätze anerkennt und durchführt, die ich nicht für richtig halte. Dasselbe gilt, aber natürlich in ungleich verstärktem Maße, von weltanschaulich so bedeutenden Fragen wie die religiösen es sind. Wer an einen reinen Stammesgott glaubt, sagen wir: an die Athene von der Akropolis, und der Meinung ist, daß ihre Macht da aufhört, wo weder attisches Land noch attische Bürger sind, dem kann und muß es vollständig gleichgültig sein, ob der Gastfreund aus Sidon den Baal, der Ägypter dem Ammon opfert Ganz anders, wenn jemand glaubt, daß die eigene Gottheit (oder die eigenen Götter) Gewalt über alle Menschen hat, sei es, daß er an Stelle der vielen Einzelgötter eine neue Gottheit setzt, sei es auch, daß er den Zeus von Olympia mit dem Jupiter vom Kapitol, dem Ammon und dem Baal usw. gleichsetzt Dann braucht er freilich zur Durchsetzung der Weltreligion nicht notwendig zu Gewaltmaßregeln zu greifen, wie es erstmalig Antiochos Epiphanes gegenüber den Juden tat, die von der Gleichsetzung ihres Gottes mit dem hellenistischen Zeus nichts wissen wollten; er kann den Andersdenkenden auch äußerlich dulden — so nahe natürlich für den von der Allgemeingültigkeit seiner Lehre fest überzeugten Menschen die Gefahr des Mißbrauchs der Macht liegt, zumal wenn die Bekämpfung des widerstrebenden Glaubens politischen Vorteil zu bringen scheint Aber in keinem Falle kann es ihm gleichgültig sein, daß der andere einer Lehre widerstrebt, die nach der eigenen Überzeugung für jeden, also auch für jenen, gültig und maßgebend ist Ich kann also (um nunmehr die vieldeutigen Begriffe, von denen wir ausgingen, einzuführen), wenn ich „Universalist" bin, nur in sehr äußerem Sinne des Wortes „tolerant" sein gegen denjenigen, der — nicht etwa: meinem Glauben, sondern — denjenigen Lehren meines Glaubens zuwider lebt, denen ich „universale" Gültigkeit zuspreche. Das gilt selbstverständlich für den „Glauben" im denkbar weitesten Sinne des Worts, also auch etwa für die Leugnung des Rechtes positiver Religionen vom 643