Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 637 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik und Moral „kann eine Stunde Lebens mehr Schmerz oder Tragik enthalten, als ein zehnfacher Tod". Wäre der Tod das letzte und äußerste, was die Allgemeinheit vom Individuum im Namen der Ethik fordert, so könnte man demnach durchaus nicht behaupten, daß sie sich für berechtigt halte, von ihm das höchste Opfer zu fordern. Aber sie fordert mehr: nämlich das Leben, die Arbeit und alle schweren, mit diesen Funktionen verbundenen Leiden und Qualen, als da sind: Entsagung, Anspannung aller Kräfte, das Ertragen eines freudlosen Daseins voll hoffnungsloser Mühen, fehlgeschlagener Pläne. Zu diesen unabwendbaren Begleiterscheinungen des Lebens und der Arbeit kann allerdings unter Umständen auch ein bißchen Sterben gehören, das man mit in den Kauf nehmen muß. Und da tritt an den Menschen die Forderung heran, das rein animalische Gefühl des Abscheus und der Furcht vor dem Tode zu überwinden und sich seine Leistung dadurch nicht verpfuschen zu lassen. Der Tod, den die Ethik unter Umständen vom Individuum fordert, ist also nur eine zufällige Bedingung seines Lebens und seiner Arbeit, nicht aber das höchste Opfer, das er auf dem Altar der Allgemeinheit oder der Idee zu bringen hat. Allein ein noch schwererer Irrtum wäre es, zu meinen, daß dieser Tod, diese Hingabe, einer Selbstvernichtung des Individuums gleichkomme. Im Gegenteil, sie bedeutet den Gipfel der Selbstbehauptung, die trotzigste Überwindung der Welt Der Mensch ist im Kampfe für seine Arbeit und sein Leben in einen Widerspruch mit der Welt geraten, die Hindernisse, welche diese ihm entgegensetzt, sind so stark, daß ihm nur übrig bleibt, entweder auf das, was ihm das teuerste ist, was den köstlichsten und höchsten Inhalt seiner Persönlichkeit ausmacht, nämlich die Verwirkhchung seiner Ideale, die Betätigung seines Bekenntnisses, zu verzichten und weiter zu leben — oder aber auf das Leben zu verzichten. Er verzichtet auf letzteres, da dieses für ihn ohne die ersteren keinen Wert hat. Er hat sich stärker erwiesen, als die Welt, welche ihm das bißchen irdische Leben hinieden als den Kaufpreis für seine höchsten Güter bot Oder: es droht der Gemeinschaft, die ihm heilig ist, oder Menschen, die ihm teuer sind, der Untergang; der Gedanke, daß sie vom Erdboden verschwinden, ist ihm unerträglich, sein Leben hätte nachher keinen Wert mehr für ihn, es wäre des besten Inhalts, des schönsten Schmucks beraubt, es wäre ein bloßes Vegetieren, es würde sich wie ein wüster, leerer Traum hinschleppen. Das fühlt er; er braucht sich das nicht erst diskursiv verstandesmäßig auseinanderzusetzen, sein gesunder Instinkt zeigt ihm die zermalmende Vision seines solchen öden, verwaisten Lebens, das sich wie 637