Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 633 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik und Moral In Wirklichkeit wiederholt sich hier eine Beziehung, die auch zwischen Einzelmenschen als Spendern und Empfängern von Wohltaten vorkommt. Wenn Rußland sich über die schwarze Undankbarkeit des von ihm „befreiten4" kleinen Volkes beklagt, so handelt es, um ein Wort Rousseaus zu gebrauchen,, wie jener Angler, der dem Fisch Vorwürfe macht, daß er den Köder gefressen habe, ohne den Haken verschlucken zu wollen. Es wurde gesagt: „Be freite Völker sind nicht dankbar, sondern anspruchsvoll." Allein, das sollen sie ja sein, wenn anders die Befreiung einen Sinn und einen Zweck haben soll. Jeder in der Entwicklung begriffene gesunde Organismus ist anspruchsvoll: wenn der Befreier es gut mit ihm meint, muß er sich darüber freuen, nur wenn er selbstsüchtige Zwecke verfolgt, wird er die Dankesforderung stets stellen. Ein Volk, das aus mehrhundertjähriger Knechtschaft befreit wurde, will sich regen, seine Kräfte entfalten, das Versäumte nachholen, sich auf eigene Füße stellen, sich ein Plätzchen an der Sonne erobern. Wenn nun der „Befreier" kommt und das befreite Volk hindern will, seine Kräfte für seine Zwecke zu gebrauchen, und es vor den Wagen seiner eigenen Macht spannen möchte, so darf er sich nicht wundern, wenn er etwa folgende Antwort zu hören bekommt: „Hast du mich von meinem bisherigen Peiniger nur befreit, um mich aufs neue in die Sklaverei zu nehmen? Soll ich nur den Herrn gewechselt haben? Wenn deine Befreiertätigkeit keinen andern Zweck hatte, hast du dich schon bezahlt gemacht, wir sind quitt" Die Dankbarkeit ist nämlich ein Schuldschein, der sofort seine Gültigkeit verliert, wenn er präsentiert wird. Allein das gilt nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen Individuen. Die Wohltat nämlich, die ich einem erweise, enthält, welcher Art sie auch immer sein mag, zwei Elemente: das eine ist quantitativ und qualitativ genau bestimmbar und läßt sich genau berechnen; das andere ist das imponderable, das unfaßbare, das unsichtbare, rein seelische, das wie ein feiner zarter Ton die gute Handlung umschwebt. Es ist das Element der Uneigennützigkeit, der vollkommen uninteressierten Hingabe, die die gute Tat vollbracht hat, ohne auf Rückvergeltung oder gar Lohn zu rechnen und dadurch die Wohltat aus der Sphäre des rein Geschäftlichen in eine ideale Höhe erhoben hat Dieses andere Element bildet das Band der Dankbarkeit, welches Spender und Empfänger umschlingt Es bleibt bestehen, auch wenn die Rückvergeltung des Materiellen auf Heller und Pfennig erfolgt ist, es bleibt von dieser an sich gleichgültigen Tatsache unberührt Hat aber der Empfänger die Dankbarkeit als Forderung geltend gemacht, so hat er dadurch 41 633