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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 632

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Politik und Moral
Date
1928-02-01
Page
632 (sequence 2)
Language
German
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B. Segel allerdings im Verlaufe ihrer ganzen Geschichte bewiesen, daß sie imstande sind, sich von allem, was sie bedrückt, selber zu befreien, und es nicht für notig halten, fremde Hilfe herbeizurufen. Allein, in den Engländern ist der Befreierdrang so groß, daß ihr Gewissen sie nicht schlafen läßt, wenn sie nicht dabei sind, wo etwas Befreiungsbedürftiges nach Erlösung ringt. Und im Verlaufe dieser mehrhundertjährigen Befreierpraxis hat dieser Instinkt sich bei den Engländern so verfeinert, daß er die Freiheitsnot und das Erlösungsbedürfnis auch dort wittert, wo die Opfer keine Ahnung hatten, daß sie unter schwerem Joch seufzten, wie dies bei den Deutschen dem preußischen Militarismus gegenüber der Fall war. England und Rußland, die beiden größten Staaten der modernen Welt, übten also eine Askese und einen Altruismus, wie sie nur die als Verkörperung der Hingabe und der Nächstenliebe voranleuchtenden Einzelmenschen praktiziert haben. Man hat gesagt, die Heuchelei sei der unfreiwillige Tribut, den das Laster der Tugend zolle. Wir hätten also hier von russischer und englischer Seite eine unwillkürliche Verleugnung der Lehre von der Moralfreiheit des Staates. Ans Komische grenzt es aber, wenn die Staaten, welche für sich praktisch das Privilegium des vollständigen Amoralismus in Anspruch nehmen, von anderen, kleineren und schwächeren, eine Tugend fordern, die zwar nicht zu den höchsten zählt, aber nur auf dem Boden der individuellen Moral erblüht ist: die Dankbarkeit Als das vom Türkenjoche durch Rußland „befreite" Bulgarien den Versuch machte, nach eigenem Gutdünken zu leben und sich zu entwickeln, also von der ihm großmütig erkämpften Freiheit den einzig vernünftigen Gebrauch zu machen, eilte der Befreier herbei und drohte, es zu zerschmettern; nur dank besonders günstiger Umstände entging das kleine Land diesem Schicksal. (Im Weltkrieg war es von Rußland in Acht und Bann getan, und aus der „slawischen Völkerfamilie" gestoßen worden.) Solange das unglückliche Serbien sich seiner Haut gegen den Befreier zu erwehren wußte und eine unabhängige Politik trieb, ruhte auf ihm der Zorn des Befreiers wegen seiner Undankbarkeit Für sich selbst aber nimmt der starke Staat das Vorrecht in Anspruch, sich über die Pflicht der Dankbarkeit, gleichwie über alle anderen moralischen Verpflichtungen, hinwegzusetzen. Im eigenen „höheren" Interesse kann es sogar seine „Pflicht" sein, die größte Undankbarkeit zu üben. Ohne die Hilfe Rumäniens wären die Russen im Türkenkriege 1877 von emer schweren Niederlage ereilt worden. Zum Dank dafür nahmen sie ihm beim Friedensschluß Bessarabien weg. 632

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