Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 617 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898452--02455-2898564- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Des Vaters Segen verwandelt ihn schon im Munde in Segen, indem der Geist der Wahrheit den fluchen Wollenden übermannt, daß er wider Willen segnen muß. So hat Isaak segnen müssen, den Gott gesegnet wissen wollte, und selbst mit ihren Listen müssen die Menschen Gottes Absichten fördern. Der Betrug aber rächt sich bitter. Jakob hat sich den todlichen Haß des Bruders zugezogen und der Erbe des Segens und Sohn eines reichen Vaters muß aus dem Elternhause und der Heimat flüchten, in der Fremde zwanzig Jahre lang bei einem mißgünstigen Verwandten, von dem er selbst betrogen wird, als Knecht dienen, sich alles durch schwere Arbeit selbst erwerben und schließlich bei der Heimkehr um sein Leben zittern und sich auf das Tiefste vor dem Bruder demütigen. Er muß arbeiten und beten lernen und erst ein ganz anderer, aus Jakob dem Listigen Israel der Gotteskämpfer geworden sein, ehe er Frieden findet Das ist das Urteil, das Gott und die Schrift über ihn fällen, nicht mit Betrachtungen, was nicht ihre Art ist, sondern durch die eindringlicher redenden Fügungen des Lebens. Überhaupt ist die nichts-als-moralische Beurteilung einer Persönlichkeit unfähig, sie zu würdigen. Die Bibel ist das Buch von der Erziehung der Menschen durch Gott zu Gott Diese Erziehung geschieht mittels der Fehler und Fehltritte, der Leiden und Prüfungen des Menschen, wofern er nur für solche göttliche Pädagogik empfänglich ist Vollkommene Menschen bedürfen keiner Erziehung. Aber einen vollkommenen Menschen hat es auf Erden auch nie gegeben. Gerade Jakob ist, wie wir sehen werden, der echte Mensch: mit einem Leben voll Arbeit, Mühsal und Kummer, mit Schwächen, aber der höchsten und heiligsten Empfindungen und Entschlüsse fähig, strebend, kämpfend und am Ende geläutert und gekrönt. Er wird und bleibt ein Mann Gottes und seine Nachkommen haben recht, den Ewigen auch als „Gott Jakobs" anzurufen. Die Erzählung gibt sich so unparteiisch, daß sie aus einem edomitischen Buch genommen sein könnte. Aber wenn die Ankläger Jakobs ihre ganze Sympathie Esau schenken, so daß man fast glauben sollte, sie verehrten in ihm ihren Stammvater, so ist die Geschichte für solche groben Unterscheidungen doch zu fein. Esau ist keineswegs der rauhe Biedermann. Er ist ein grobsinnlich und gewalttätiger Charakter, dabei — wie solche Menschen oft — sentimental .und in seinen Stimmungen wechselnd und doch nicht ohne Verschlagenheit und Falschheit Die Hauptsache ist für ihn Essen. Wir könnten noch einen gröberen Ausdruck wählen, denn er gebraucht ein Wort, das im Hebräischen 40 617