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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 612

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Einführungen in das erste Buch Mose
Date
1928-02-01
Page
612 (sequence 9)
Language
German
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B. Jacob rang macht selbstsicher, dünkelhaft und träge, die Aussicht, ihn erringen zu können, spornt alle Kräfte an. Jakob war der Erstgeburt würdiger als Esau, der sie verschmähte, ebendarum, weil er nach ihr strebte. Es wäre kein großer Unterschied gewesen, ob der Kanaaniter das Land behielt oder ihm Esau, der mit ihm verschwägerte, folgte. Ein Gottesgesetz hätte auch er nicht angenommen und darin durchgeführt Der Zweck der Erzählung ist kein anderer als ihn auf die Probe zu stellen und zu zeigen, daß er mit Recht von der Erwählung ausgeschlossen worden ist, weil er selbst es war, der die „Erstgeburt" von Anfang an verachtete. Und wofür hat er sie weggeworfen? Für ein Linsengericht! Das sentimentale Mitleid mit ihm, dessen Notlage der Bruder ausbeute, ist nicht angebracht. Davon daß Esau am Verschmachten war, sagt die Schrift nichts. Er ist nur müde von der Jagd, nicht hungrig, aber gierig, sobald er etwas Schmackhaftes sieht oder riecht; er muß es auf der Stelle haben. Das Anerbieten des Bruders hätte er mit Entrüstung zurückweisen müssen. Falsch freilich und kindisch ist die Meinung beider, daß sich ein solcher Vorzug, Himmlisches gegen Irdisches, kaufweise austauschen ließe. Es ist von Jakob ein knabenhafter Vorschlag, oben sitzen zu dürfen. Er ahnt noch nicht, wie man in Gottes Schule der Erste wird. Er wird es werden, aber seine Gedanken sind nicht Gottes Gedanken. Von einer Billigung des Handels ist in der Schrift keine Spur, obgleich er ein Betrug oder eine Ablistung nicht genannt werden kann. Die Szene lehrt, wie früh und grundsätzlich sich Geschwister unterscheiden können, ob sie gleich Zwillinge sind, ob sie gleich von denselben Eltern erzogen sind. Sie ist ferner ein Vorspiel zu dem anderen ernsteren Streit vor dem Vater. Aus dieser zweiten und ausgeführteren Erzählung erhebt man gegen Jakob die Anklage, daß er durch eine Täuschung des Vaters den Segen, der Esau zugedacht war, erschlichen habe. Die Tatsache muß unumwunden zugegeben und kann durch keine apologetischen Auslegungskünste aus der Welt geschafft werden. Jakob läßt sich als Esau verkleiden und antwortet auf die Frage des blinden Vaters: „Wer bist du, mein Sohn?" — „Ich bin Esau, dein Erstgeborener, ich habe getan, wie du zu mir geredet hast" Und auf die abermalige Frage: „Bist du mein Sohn Esau?" — „Ich bin es." Worauf er ohne Widerspruch den Segen in Empfang nimmt Aber nachdem der Wahrheit die Ehre gegeben ist, verlangt die Gerechtigkeit, daß Folgendes erwogen werde: Die eigentliche Schuld trifft nicht Jakob, sondern die Anstifterin, die 612

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