Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Jüdische Wanderungen
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 587 (sequence 2)
- Language
- German
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Michael Traub: Jüdische Wanderungen (1899—1924) kanischen Immigrations - Gesetzgebung, wie durch eine merkliche Besserung des ostjüdischen Bildungsstandes hervorgerufen wurde. Trotz dieses prozentualen Analphabetenrückganges standen die Juden 1899 bis 1914 an vierzehnter, 1914 an dreizehnter, 1915 bis 1924 an fünfzehnter Stelle unter den nach Nordamerika wandernden Völkern. Nach wie vor nimmt der jüdische Immigrant seinem Bildungsstande nach eine Mittelstellung zwischen den west- und osteuropäischen Nationen ein. Der bedeutende Abstand aber, der vor dem Kriege zwischen dem Analphabeten - Prozentsatze der Juden (24,860/0) einerseits und dem der Polen (34,19%), Rumänen (34,68o/o) und Russen (37,080/0) andererseits verzeichnet werden konnte, ist nunmehr verschwunden; die jüdische Einwanderung weist nach dieser Richtung hin viel mehr Ähnlichkeit mit den osteuropäischen Nachbarvölkern auf, als mit den unter weit günstigeren kulturellen und materiellen Bedingungen lebenden Völkern des europäischen Westens. In der vergleichenden Gesamtstatistik der 26 Jahre von 1899 bis 1924 steht das Judentum mit 21,750/0 an dreizehnter Stelle. 298590 erwachsene Juden, die weder lesen noch schreiben konnten, sind während dieses Zeitraumes nach den Vereinigten Staaten immigriert Bedenkt man, daß nach den nordamerikanischen Immigrationsbestimmungen auch das Lesen des Jiddischen genügte, um den Einwanderer nicht als völligen Analphabeten zu kennzeichnen, dann erscheint diese ungeheure Analphabetenschar erwachsener Juden als ein trauriges Symptom intellektueller Verelendung jüdischer Massen in Osteuropa während der vergangenen Jahre. Alles in allem ein schicksalschweres Zeugnis für das „Volk des Buches"! Im gleichen Zusammenhange sei auch die Tatsache erwähnt, daß der Prozentsatz der Analphabeten unter den jüdischen Frauen (9,260/0 im Durchschnitt der letzten zehn Jahre) annähernd sieben Mal stärker als unter den Männern (1,24%) war. Während man in der nordamerikanischen Gesamteinwanderung auf je 100 Analphabeten 37 Männer und 63 Frauen zählte, bildeten die entsprechenden Prozentsätze in der jüdischen Einwanderung 11 und 89. Wer die in vielen ostjüdischen Familien zur Tradition gewordene geistige Verwahrlosung der Mädchen kennt, wird sich über diese unerfreuliche Erscheinung des jüdischen Wanderlebens keineswegs wundern. — Ein anschauliches Bild der jüdischen Vermögenslage gewährt die Tabelle VIII. Die drückende Armut und materielle Abhängigkeit der jüdi- 38» 587