Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Jüdische Wanderungen
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 588 (sequence 3)
- Language
- German
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Michael Traub sehen Wanderer tritt uns aus diesen Zahlen in all ihrer Schärfe entgegen. Man gewinnt den Eindruck, daß der größte Teil der jüdischen Einwanderer aus mittellosen Elementen bestand, die aus ihrer früheren Heimat nichts als den Willen, eine neue Existenz zu gründen, hinübergerettet haben. 61,190/0 (2i55i4) sämtlicher jüdischer Einwanderer gelangten während des letzten Jahrzehnts völlig mittellos nach Amerika. 20,910/0 (73668) hatten weniger als 5o Doller und nur 17,9% (63o52) waren im Besitze von 5o Dollar oder mehr. Auf die analogen Vermögenskategorien entfielen vor dem Kriege 55,33o/o, 38,6o/o und 6,070/0''. Wir konstatieren mithin eine Steigerung des Prozentsatzes der gänzlich Mittellosen und relativ „Bemittelten" (5o Dollar oder mehr), bei gleichzeitiger Verminderung des prozentualen Anteils derjenigen jüdischen Einwanderer, die bei der Einreise den Besitz von weniger als 5o Dollar aufweisen konnten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der hohe Prozentsatz Mittelloser in der jüdischen Einwanderung zum Teil durch die immer häufigere Mitnahme von Frauen untl Kindern bedingt wurde. Wie sehr aber auch der fortschreitende Verarmungsprozeß des osteuropäischen Judentums in diesen Zahlen zum Ausdruck kommt, ergeht am deutlichsten aus der Tatsache, daß der Prozentsatz der Mittellosen in der jüdischen Wanderbewegung in viel rascherem Tempo gewachsen ist als die prozentuale Beteiligung von Frauen und Kindern. So stieg von 1915—1919 bis 1920—1924 der Prozentsatz der Frauen von 46,39 auf 54,42, der Kinder von 26,94 auf 29,73, der Mittellosen hingegen von 46,92 auf 64,45. Im Durchschnitt entfielen allerdings auf jeden jüdischen Einwanderer vor dem Kriege i5,53 1915—1924= 42,i Dollar. Diese Steigerung des Bargeldbesitzes im Momente der Einwanderung war aber in erster Linie eine Folgeerscheinung der verminderten Kaufkraft des Dollars, sowie nicht zumindest auch der zunehmenden Liquidierung des früheren Besitzes im Auswanderungslande. Da mit einer etwaigen Piückkehr fast in keinem Falle mehr gerechnet werden konnte, wurde alles Greifbare an Geld und Geldeswert realisiert und mitgenommen. Die wenigen Dollar, die der jüdische Einwanderer an der nordamerikanischen Grenze deklarierte, bildeten mithin sein gesamtes Vermögen. Daß bei dem Allem fast zwei Drittel der Einwanderer ohne jegliche Mittel auf amerikanischem Boden landete, die größere Hälfte der weniger Bemittelten keine 5o Dollar aufweisen konnte, und auch nach Abzug der 29,210/0 Bünder auf jeden erwachsenen Einwanderer nur 59,5 Dollar entfielen, illustriert zur Genüge die materielle Notlage des jüdischen Wanderers. 588