Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Staat, Recht und Judentum
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 578 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Eschelbacher der Stadt, wohin ich Euch verbannt habe!" Er steigert diese Teilnahme zur religiösen Liebe durch die Mahnung: „Betet für sie zum Ewigenl" Er weist den Gedanken ab, als ob diese innerliche Einbürgerung nur von der Not erzwungen sei, sondern er wandelt sie in eine Forderung der Liebe und der Überzeugung durch die Begründung: „In ihrem Frieden wird Euch Frieden werden." Zum ersten Male in der Geschichte umschließt hier jüdische Religiosität den fremden Staat und gilt der Friede des Juden als eins mit dem Frieden seiner neuen und noch nicht geliebten Heimat Dieses Gebot wird aber nicht im Namen eines sterbenden, untergehenden Judentums erhoben, sondern es verbindet sich mit dem Glauben an die große jüdische Zukunft: „Betet für das Wohl der Stadt, wohin ich Euch verbannt habe", steht in einem Atemzuge mit dem anderen Gebot: „Werdet mehr und werdet nicht weniger!" Mit .ungewöhnlicher Feierlichkeit wird dieser Hinweis auf den neuen Weg an der Scheide der Zeiten ausgesprochen. Denn das Bekenntnis zum fremden Staate bei ungebrochener jüdischer Zukunftshoffnung erscheint als Gottes Wille und nicht als die private Meinung des Propheten. „Also spricht der Ewige der Heerscharen, der Gott Israels." Jeremia selbst hatte die Verbannung in Babylon nur als eine vorübergehende betrachtet. Denn wenige Zeilen nachher fügt er als Begründung an: „Wenn für Babel siebenzig Jahre erfüllt sind, werde ich Euch bedenken und an Euch meine gute Verheißung erfüllen und Euch an diesen Ort (nach Jerusalem) zurückbringen." Diese Verheißung hat sich allerdings nur in geringem Maße erfüllt Denn ab einige Jahrzehnte später das Exil endete, sind viele der Verbannten in Babylon geblieben. Die Nachkommen der Zurückgekehrten aber sind einige hundert Jahre nachher wiederum vertrieben worden, als die Römer im Jahre 70 n. Chr. den jüdischen Staat für die Dauer zerstörten. Sie verließen Palästina und wanderten nach allen Ländern. Weit über den ursprünglichen Sinn hinaus ist das Wort des Jeremia zu einer dauernden Weisung geworden. II. Die rechtsschöpfende Kraft des Judentums bewährte sich auch jetzt, in der Zerstreuung und nach dem endgültigen Untergang des jüdischen Staates. Die weitumfassende Halachah wurde ausgebildet und fand ihren zweitausendjährigen Niederschlag im Talmud und den darauf folgenden Kodifikationen. In diesem mächtigen Gebäude des Religionsgesetzes nimmt das Recht, namentlich das Zivilrecht einen breiten Raum ein. In allen Ländern, wo jüdische Massen wohnten, 578