Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Staat, Recht und Judentum
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 576 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898450--02412-2898523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M. Eschelbacher Religion und Abstammung, nach Vergangenheit und Zukunftshoffnung verschieden von ihrer babylonischen Umgebung. Lebenskräftige Minderheiten strauben sich gegen das völlige Aufgehen in dem fremden Staate. Sie wollen ihre berechtigte Art erhalten. Der Friede der Welt beruht darauf, daß ihnen der herrschende Staat diese Lebensnotwendigkeit nicht raubt Diese Wahrheit ist unserer Zeit wohl vertraut Die Irredenta in so vielen Staaten hat Europa ins Elend gestürzt Zu dem neuen Völkerrecht, das die Friedensverträge festgelegt haben, gehört deshalb der Schutz der versprengten Minoritäten. Für die verbannten Juden in Babylon lag freilich das Problem anders, als heute für die Deutschen in Posen. Diese leben in ihrer Heimat, nur ist diese Heimat einem fremden Staate einverleibt worden. Die Juden in Babylon dagegen waren aus ihrer Heimat herausgerissen und in ein fremdes Land verschleppt worden. Eines aber ist den Juden des babylonischen Exils und den Minderheiten aller Zeiten und von heute gemeinsam: sie wollten und wollen bleiben was sie sind. In dieser Lage wurde für die Verbannten an den Strömen Babylons die Stellung zum herrschenden Staate ein schweres Problem. Sollten sie die Zerstörung Jerusalems als endgültig hinnehmen und sich der neuen Heimat restlos hingeben? Oder sollten sie den furchtbaren Umschwung nur insoweit dulden, als sie ihn nicht zu ändern vermochten? Durften sie im innerlichen Widerstand gegen Babylon und seinen Staat allein der Hoffnung auf die Rückkehr in die geliebte alte Heimat leben? Mußten sie im Protest gegen die Forderungen der Gegenwart sich der innerlichen, herzlichen Anteilnahme an dem Leben des neuen Staates versagen? Aus Psalmen und Propheten wissen wir es, wie stark sie sich gegen die Anerkennung der neuen Lage sträubten. Es war jenes Geschlecht, das seine Harfen an die Weiden am Euphrath hängte, weil es das Lied des Herrn auf fremdem Boden nicht singen wollte. Sein ganzes Denken war ein einziger Schwur: „Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem, dann versage meine Rechte." Ein gewaltiges Problem, die Einbürgerung in den fremden Staat, trat damals zum ersten Male an die Juden heran. Es war noch schwerer, als es heute auf den ersten Blick erscheint Denn wohl ist für den modernen Menschen die Staatshoheit eine Frage des Territoriums. Wer auf einem bestimmten Gebiete lebt, untersteht damit der Gewalt des Staates, dem dieses Land gehört Der Deutsche in Amerika unterliegt dem amerikanischen Gesetze mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der der Amerikaner in Deutschland dem deutschen 576