Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 573 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie des jüdischen Kindes Noch ein weiterer Einwand wird leicht gemacht werden: die Zusammenhänge zwischen gewissen Charakterzügen und der soziologischen Position des Juden, die hier aufgedeckt worden sind, lassen sich kaum in allen Fällen deutlich nachweisen, sind sie uns selbst doch nicht einmal für unsere eigene Lebensgeschichte bewußt Aber dieser Einwand isl gegenstandslos, denn wir müssen uns klar darüber sein, daß die wesentlichsten Geschehenszusammenhänge uns im allgemeinen überhaupt nicht bewußt sind und erst einer tiefer dringenden Analyse bewußt werden. Ja, wir können geradezu sagen, daß viele Momente dann ihre Wirkung verlieren, wenn sie bewußt werden. Seelisches ist keineswegs mit Bewußtem identisch, sondern das Bewußte bildet nur eine dünne Oberschicht des Seelischen, unter der die eigentlich treibenden Kräfte, die uns unbewußt bleiben und erst mühsam ins Bewußtsein zu heben sind, liegen. Heute erhebt sich überall die Forderung einer kindesgemäßen Erziehung. Und sie besteht meines Erachtens durchaus zu Recht; wir müssen immer an das im Kind selbst Gegebene anknüpfen. So erwachsen also dem Elternhaus besonders aus der eigenartigen Lage, in der sich nicht nur das Kind, sondern der Jude überhaupt befindet, besondere Aufgaben. Es gilt zunächst einmal, bei aller Liebe und Sorge für das Kind doch Zurückhaltung zu üben, durch falsche Zärtlichkeiten nicht die Sinnlichkeit frühzeitig zu erregen; es gilt die Entwicklung nicht zu beschleunigen, sondern das Kind sich ruhig und allmählich entwickeln zu lassen, so wie es die Natur will. Eine besonders wichtige und wesentliche Aufgabe sehe ich in der Pflege des Gefühlslebens, besonders des religiösen Lebens im Elternhause. Ich weiß, wie schwer gerade die Erfüllung dieser Forderung heute vielen Eltern, die den Forderungen der Religion innerlich fremd gegenüberstehen, ist, und doch muß hier in aller Aufrichtigkeit versucht werden, dem Kinde etwas zu geben. Ich halte es fernerhin für vollkommen falsch, wenn man dem Kinde das Leben in der Weise erleichtern will, daß man es von allen Unannehmlichkeiten des Lebens fern hält; dadurch erleichtert man ihm das Leben nicht, im Gegenteil, man erschwert es. Die Berührung mit der Umwelt bleibt nicht aus, kann nicht ausbleiben, und es hat keinen Sinn, das Kind mit ein paar Phrasen über die eigentümliche Situation hinwegzutäuschen, in der es sich befindet Sobald sich Konflikte ergeben, scheint mir eine Aussprache notwendig darüber, wo die Quelle dieser Konflikte zu suchen ist, eine Aussprache, die sich von jeder Gehässigkeit und Verbitterung fern zu halten hat 573