Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 574 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Erich Stern: Zur Psychologie des jüdischen Kindes Wenn es schon ganz allgemein gilt, daß das Selbstgefühl des Kindes gestärkt, daß das Kind immer wieder ermutigt werden muß, so gilt dies von dem jüdischen Kinde in ganz besonderem Maße. Je stärker das Bewußtsein des eigenen Wertes, die Achtung vor sich selbst, um so weniger wird das Kind nötig haben, auszuweichen oder in einer Form zu reagieren, die uns wenig gefallen mag. Nicht das selbstbewußte, aktive Kind ist schwer zu erziehen, sondern das Kind mit geringem Selbstbewußtvertrauen und mit Minderwertigkeitsgefühlen. Dieses Kind ist für das Leben wesentlich schlechter ausgestattet als das selbstbewußte, tatige Kind. Naturgemäß muß die Aktivität in Grenzen gehalten werden; wir wollen nicht übereifrige, überehrgeizige Kinder, nicht falsche Streber, sondern tatkräftige, selbstbewußte Menschen heranbilden. Aber nicht nur das Eiternhaus, sondern auch die Schule und die weitere Umgebung hat dem jüdischen Kinde gegenüber Aufgaben zu erfüllen. Daß sich Schule und Lehrerschaft von aller Gehässigkeit frei zu halten haben, daß dem Kinde volle Gerechtigkeit werden muß, bedarf wohl keiner näheren Erörterung; aber wir müssen noch ein Weiteres fordern: das Kind auch da zu verstehen und zu würdigen, wo es Fehler zeigt, und wo diese Fehler sich vielleicht stärker hervorheben, als bei anderen. Aber einmal stehen den Fehlern auch Vorzüge gegenüber, die es zu pflegen gilt, und zum anderen gilt es, sich darüber klar zu sein, daß die Fehler, welche die Umgebung den Juden zum Vorwurf macht, zum großen Teil auf deren Schuldkonto zu setzen sind. Der alte Satz, daß jedes Land die Juden habe, die es verdient, scheint mir durchaus zutreffend zu sein. 574