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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 572

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Zur Psychologie des jüdischen Kindes
Date
1928-02-01
Page
572 (sequence 18)
Language
German
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Erich Stern mit der Welt muß das jüdische Kind früher reifen lassen; zunächst psychisch, dann aber auch physisch. Denn wie überhaupt beim Jugendlichen sehr häufig das Sexuelle nur betont wird, um dadurch Reife und Erwachsensein zu beweisen, so fühlt der jüdische Jugendliche dadurch, daß er seine Männlichkeit und sein Erwachsensein mehr betonen will als jeder andere, sich frühzeitig auf die Sexualität hingelenkt Im engsten Zusammenhang mit dem Geltungsverlangen und mit der beschleunigten Reifung steht aber auch ein anderer Zug: die Aufsässigkeit, die Anmaßung, die Arroganz. Brauchen wir hier darauf hinzuweisen, daß sie für einen bestimmten Abschnitt der Entwicklung überhaupt typisch ist, und daß sie notwendig erscheint, um das Individuum dahin zu bringen, sich selbständig in der Welt zu orientieren? Beim jüdischen Kind aber liegt noch ein anderes Motiv vor: der Drang, sich zu behaupten. Widerstand findet sich immer da, wo Unterdrückung herrscht, Druck erzeugt Gegendruck. Indem das Kind widerspricht, aufbegehrt oder sich ein Urteil über Dinge anmaßt, die seiner Einsicht entzogen sind, will es beweisen, daß es mitreden kann, und indem es dies vor sich selbst tut, steigt sein Wertgefühl, die Achtung vorsieh selbst, die jeder Mensch braucht, um leben zu können, und die auch das Kind schon nicht entbehren kann. VI. Es waren einzelne Züge, die ich hier kurz darzustellen versucht habe; ich betone nochmals, daß sich nicht jeder Zug bei jedem Kinde finden muß, und daß es nicht alle Züge sind, die das jüdische Kind überhaupt aufweist Ich habe nicht das geschildert, was es mit allen anderen Kindern gemeinsam hat, sondern glaubte das herausheben zu sollen, was ihm eigentümlich ist, und zu zeigen, wie gerade dies sich aus der Situation ergibt, in der sich das jüdische Kind befindet Man kann gegen meine Darstellung einwenden, daß ich „voreingenommen" war, d. h. vom Standpunkt einer bestimmten Theorie aus eine Deutung zu geben unternommen habe. Und das trifft zu; was ich gab, war in gewissem Sinne eine Konstruktion; aber jede Darstellung wird sich an irgend welchen leitenden Gesichtspunkten orientieren und in gewissem Sinne konstruieren müssen. Ich sagte oben bereits, daß ich Adlers Lehre für eine Theorie halte, die mir für viele Fälle zuzutreffen scheint, und daß ich glaube, die Psyche des jüdischen Kindes von ihr aus dem Verständnis näher bringen zu können. 572

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