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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 571

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Zur Psychologie des jüdischen Kindes
Date
1928-02-01
Page
571 (sequence 17)
Language
German
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Zur Psychologie des jüdischen Kindes diese Reaktionsform sein, die wir gewiß verstehen müssen, die wir aber nicht billigen, sondern bekämpfen wollen. Besonderer Erwähnung verdient ein weiterer Zug: wo die Wirklichkeit trübe und düster erscheint, da kommt der Mensch leicht in die Versuchung, sich ganz aus ihr zurückzuziehen und sich ein eigenes Leben in der Phantasie aufzubauen; besonders bei den Ostjuden finden wir diese Flucht häufig, das weichliche, sentimentale, ressentimenthafte Träumen; aber auch sonst neigt das jüdische Kind mehr als jedes andere Kind dazu, sich in seine Träume einzuspinnen, es ist verträumter, seine Phantasie ist lebhafter. Das kann verschiedene Konsequenzen haben; wir beobachten einmal ein Überwuchern der Phantasie, das der Welt entfremdet, zum andern eine Hinneigung zu aller künstlerischen Betätigung, insbesondere zur Dichtkunst Da, wo die eigentlich künstlerische, die schöpferische Begabung fehlt, drängt sich dann die kritische Beschäftigung in den Vordergrund: hier kommt dem Juden seine Empfindsamkeit und Einfühlungsfähigkeit zugute; zugleich befriedigt aber alle Kritik auch noch nach anderer Richtung hin das Geltungsbedürfnis: der Kritiker bestimmt das Urteil der Vielen. Dieses Zusammenwirken von Phantasie und Geltungsstreben und Kritik zeigt sich im Leben überaus häufig. Die Entfremdung kann aber auch zu einem weitabgewandten Ästhetentum führen; der Mensch glaubt sich zu gut für dieses Leben, das ihm seine ganze Häßlichkeit offenbart; er zieht es vor, sich ganz von ihm fern zu halten. Diese Züge aber finden wir schon beim jüdischen Kind: oft das Übermaß an Kritik, das es so unbeliebt macht, und dabei der Drang, sich irgend einen Ausdruck zu schaffen. Aber hier zeigt sich nun ein Weiteres: gerade weil das Kind viele Zurückweisungen erfährt, weil es immer wieder schwankend und zweifelnd an seinem eigenen Wert wird, muß es mehr über sich selbst reflektieren als das nichtjüdische Kind, für das ein erheblich geringerer Anlaß dazu vorliegt Die Selbstbespiegelung, in den Jahren der geschlechtlichen Reifung überaus lebendig, erfährt daher beim jüdischen Jugendlichen eine Steigerung. Er will seinen Wert erweisen und ihn auch nach außen hin repräsentieren, daher bei ihm eine noch stärkere Neigung zur Pose als bei anderen Jugendlichen. Noch auf andere Weise sucht sich der Geltungstrieb durchzusetzen. Adler hat richtig gesehen, daß auch die Sexualität in den Dienst des Machtstrebens treten kann. Die ständig notwendige Auseinandersetzung 37* 571

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