Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 570 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Stern Sie fügen sich in etwas, was ihnen vielleicht unabwendbar erscheint, dem Trotz zu bieten sinnlos ist Dieser Reaktionstypus erinnert etwas an das Musterkind, in dem auch alle Aktivität, aller Wille, alle Selbständigkeit erloschen scheinen, das nicht aufbegehrt und das so ungemein bequem zu lenken ist Diese Reaktionsform war wohl im Ghetto häufiger, denn hier war Widerstand auch zwecklos; sie wird glücklicherweise heute immer seltener; aber eine gewisse Gedrücktheit ist doch bei vielen geblieben, und sie übertragt sich von dem Verhältnis zwischen dem jüdischen und dem nichtjüdischen Kind auf seine Stellung zum Leben überhaupt; sie vermindert die Frische und die Lebensfreude, sie schafft einen immer und überall mitschwingenden Unterton von Weh und Angst, der nur schwer wieder aufzuheben ist, der sich aber leicht im späteren Leben zur Neurose steigern kann. Denn auch das muß hier gesagt werden: wenn die neurotischen Erkrankungen bei den Juden wirklich häufiger sind als bei anderen Schichten — und dafür scheint die Erfahrung durchaus zu sprechen —, so kann man auch hier nicht ohne weiteres die Veranlagung dafür verantwortlich machen. Die Individualpsychologie faßt auch die Neurose als Mittel im Kampf um die Geltung, als Kompensation für Minderwertigkeiten auf; und für viele Fälle scheint mir diese Annahme durchaus zuzutreffen. Das jüdische Kind ist erregter, ist bewegter, ist empfindlicher, ist feinfühliger, weil es sich in einer ständigen Abwehr befindet, weil dauernd Spannungen in ihm bestehen: es hat die Reizbarkeit und Nervosität des Bedrohten. Man hat es oft dem jüdischen Menschen zum Vorwurf gemacht, daß er unterwürfig, nicht offen, vielleicht sogar verschlagen sei Aber doch auch diese Untugenden sind lediglich aus der soziologischen Situation heraus zu verstehen: der Stärkere, Herrschende, der die Macht hat, kann stolz und offen sein — und doch: wie oft mangeln auch ihm die Tugenden der Offenheit, Gradheit, Aufrichtigkeit und unbedingten Verläßlichkeit. Wer aber immer gedrückt wird, wer sich stets zurückgesetzt fühlt, der wird oft in der Weise reagieren, daß er sich unterwürfig zeigt, während er sich insgeheim auflehnt Auch hier handelt es sich um ein Kampfmittel des Schwächeren dem Stärkeren gegenüber! Je bewußter sich der Jude seiner eigentümlichen Lage wird, je mehr er sich auf diese besinnt, je mehr er vor allem die Werte kennt und schätzt, die er selber besitzt, um so seltener wird 570