Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 569 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie des jüdischen Kindes der ganzen soziologischen Situation des Juden —, muß frühzeitig auf das Kind wirken. Besitz aber wird zur Schau gestellt im Hause, auf Reisen, im Theater, auf der Straße, und so kommt es, daß äußere Dinge, vor allem die Kleidung, der Schmuck, die „Ausstattung" eine erhebliche Rolle spielen. Es muß übrigens gesagt werden, daß sich dieser Zug durchaus nicht nur bei Juden findet: der „Neureiche", der um seine Anerkennung ringen muß, die der „Altbesitz" ohne weiteres findet, verkörpert die gleiche Tendenz. Aber da, wie gesagt, der Jude immer wieder von neuem sich durchsetzen muß, so ist es verstandlich, wenn sie bei ihm häufig vorkommt Daß sie lediglich auf die äußeren Verhältnisse zurückzuführen ist, scheint mir auch dadurch erwiesen, daß jüdische Familien mit einer eigenen Tradition, mit hoher geistiger Kultur — und solche finden sich durchaus nicht seltener als in anderen Schichten — von dieser Tendenz frei sind, und daß auch der bewußte Jude, der gar nicht nach dem Kreise der anderen schaut, sie kaum zeigt. Aber es muß doch festgestellt werden, daß der Zug zur Veräußerlich ung vielen jüdischen Kindern frühzeitig aufgeprägt wird, und das besonders da, wo die Eltern aus kleinen Verhältnissen allmählich oder rasch emporgestiegen sind; es ist als ob hier nur die äußere Kultur übernommen worden ist, wie dies bei allen rasch emporgekommenen Familien zunächst der Fall ist Hier wird alles Äußere übertrieben; Putz und Mode, aber auch Körperpflege spielen eine allzu umfangreiche Rolle. Aus diesen Kreisen stammen dann die „Ästheten", die sich vor jeder Berührung mit der Not und dem Elend scheuen. Auf der anderen Seite stehen aber die Familien, die erst um ihren Aufstieg ringen, und die ihn durch Leistung erzwingen wollen; hier wird wiederum alles Äußere, alle Form, alle Pflege des äußeren Menschen vernachlässigt, und nur das Geistige, vor allem das Berufliche gewürdigt So macht das Kind oft äußerlich einen vernachlässigten Eindruck, während es in seinem Inneren schafft und vorwärts drängt Oft fällt an dem jüdischen Kinde eine eigenartig gedrückte Stimmung auf, die aber aus seiner Situation heraus nur allzu verständlich ist Wo das Kind erst einmal erlebt hat, daß man es um seines Jude-seins willen verfolgt, daß man es weniger achtet als andere Kinder, und wo dieses Erlebnis sich immer und immer wieder erneuert, da wird eben bei vielen, besonders bei zarteren und empfindsameren Naturen leicht eine gedrückte Stimmung aufkommen. Man kann oft sehen, wie Kinder alles über sich ergehen lassen ohne Widerstand zu leisten, aber auch ohne eigentlich auszuweichen. 37 569