Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 567 (sequence 13)
- Language
- German
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Zux Psychologie des jüdischen Kindes keine Gefährten hat, es dann aber stehen läßt, sobald andere Kinder kommen: oft muß es verstecktes oder offenes Mißtrauen fühlen, oft wird es verhöhnt, nicht selten gequält und geschlagen. Es befindet sich fast immer in einem ungleichen Kampf, in dem die anderen in der Übermacht sind. So sieht es sich häufig auf einen ganz engen Kreis angewiesen, und es schaut begehrend auf die übrigen Kinder. Und wenn gar noch der Lehrer es \bneigung merken läßt, wenn er es ungerecht behandelt — und gerade das Kind hat ein sehr feines Organ für Gerechtigkeit —, wenn es auch in der Schule zurückgesetzt wird, dann fühlt es sich ausgestoßen aus jeglicher Gemeinschaft So findet also sein Gemeinschaftssehnen keine Befriedigung, oder zum mindesten doch eine Grenze an der feindlichen Haltung der anderen — so müssen von neuem Minderwertigkeitsgefühle entstehen: weshalb bin ich schlechter, weniger angesehen, weniger geachtet als jene? V. Wo aber Gefühle der Minderwertigkeit sich stauen, wo das jedem Menschen innewohnende Bedürfnis nach Anerkennung nicht Genüge findet, da muß das Geltungsverlangen gleichsam hypertrophieren und das Hauptmotiv der Entwicklung werden. Und hier finden zahlreiche Züge des jüdischen Kindes ihre Erklärung. Wenn wir nunmehr versuchen, einige dieser Züge zu schildern, so muß vorwegnehmend bemerkt sein, daß diese Schilderung keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen kann und daß sich nicht sämtliche der aufzuweisenden Züge bei allen Kindern finden. Bald werden mehr diese, bald mehr jene Eigentümlichkeiten hervortreten. Nicht alle Merkmale berühren uns sympathisch; aber es hat keinen Sinn, die Augen zu verschließen vor den Fehlern der eigenen Gemeinschaft, zumal wir einen großen Teil der Schuld nicht selbst tragen, und nur dann erziehend wirken können, wenn wir wissen, wo der Hebel anzusetzen ist Mart hat überaus häufig schon beim jüdischen Kinde eine stark intellektuelle Einstellung, ein Zweckdenken, ein Abwägen von Kraft und Erfolg, ein Zurücktreten des Gefühles feststellen zu sollen gemeint; man hat in dieser frühzeitigen Äußerung einen Ausdruck der Veranlagung gesehen, und den Juden aus der rationalen Einstellung einen Vorwurf gemacht. Nun ist zwar meines Erachtens nicht einzusehen, weshalb in einer mehr rationalen Grundhaltung an sich schon etwas Verwerfliches liegen soll; solange die Vernunft in den Dienst der Verwirklichung wertvoller Ziele tritt, muß sie 567