Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 566 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898449--02401-2898513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erich Stern gibt es wohl kein Haus, in dem nicht Weihnachten wenigstens irgendwie gefeiert wird und in dem nicht auch sonst etwas Festliches an den Feiertagen lebt. Beim jüdischen Kinde klafft hier aber eine Lücke, und es bleiben Seiten seines Wesens unentfaltet, die von ganz besonderer Bedeutung sind; das Gefühlsleben entbehrt einer wesentlichen Anregung und Befruchtung. Man kann es verstehen, wenn Eltern versuchen, dem Kinde einen Ersatz zu schaffen oder wenn sie sich bemühen, gewisse Zeremonien zu erfüllen; wo aber die eigene Begeisterung fehlt, wird die Form leer, und der Ersatz bleibt immer unvollkommen; nur an eigener Wärme vermag religiöses Feuersich zu entzünden. Es fehlt also in der Entwicklung des jüdischen Kindes oft ein Faktor, der für die anderen Kinder vorhanden ist Aber es kommt hinzu, daß frühzeitig sich irgend etwas von dem Gefühl regt: weshalb hat der „Heiland" nicht für uns gelebt? Ich sprach von einem Schuldgefühl; es stammt einmal aus dem Gefühl des Ausgeschlossenseins durch eigene Schuld, zum anderen aber aus dem immer wiederkehrenden Vorwurf: Ihr wart es, die den Heiland gekreuzigt haben! Wie das christliche Kind seinen Anteil an der Erlösung fühlt, so fühlt hier das jüdische Kind etwas von der Schuld, die seinen Vorfahren angedichtet wird. Aber damit muß das Gefühl der Unterlegenheit und Minderwertigkeil eine neue Verschärfung erfahren. Besteht diese aber erst einmal in aller Stärke, und wird es dem Kinde deutlich bewußt, dann wird bei vielen die Folge eine gesteigerte Empfindlichkeit sein; das Kind wird nunmehr jedes Unrecht, das ihm zugefügt wird, jede Kränkung, jeden Tadel, auch den gerechtesten darauf zurückführen, daß es als Jude weniger geachtet ist und mehr verfolgt wird, es wird immer in Erwartung neuer Angriffe leben. Dadurch wird aber in ihm leicht Angst aufkommen, die zur Grundlage nervöser Störungen werden kann; zugleich aber muß sich eine Vorsicht ausbilden, welche auszuweichen und zu begegnen sucht, und die sich überaus häufig mit Mißtrauen verbinden wird. Und die Angst wird die Minderwertigkeitsgefühle weiter wachsen lassen. Der natürliche Drang zur Gemeinschaft erfährt bei dem jüdischen Kind eine Hemmung; denn aus zahlreichen Gemeinschaften ist es ausgeschlossen, anderen gegenüber hat es die Vorstellung, man wolle es nicht, in weiteren wird es nicht als gleichberechtigt behandelt Oft muß es sehen, wie ein nichtjüdisches Kind mit ihm spielt, solange es sonst 566