Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 565 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie des jüdischen Kindes weiteres Moment, das zu der so oft beobachteten Frühreife des jüdischen Kindes führen muß. Wesentlicher aber scheint mir folgendes: wie reagiert das Kind auf den Eindruck, auf die Verletzung, die ihm zugefügt wird? Schon hier lassen sich deutlich zwei Typen unterscheiden: der eine wird scheu und verschlossen, zurückhaltend bis zum äußersten, er hält sich fern von anderen Kindern, bleibt für sich, einsam und still, meidet die Spiele der Kinder, der andere hingegen sucht nun gerade die Gesellschaft der anderen, drängt sich ihr auf, er will sich mit aller Gewalt durchsetzen und behaupten. Diese beiden Reaktionstypen lassen sich in ihrer Entwicklung durch die ganze Kindheit hindurch und durch die Jugendjahre, aber auch durch das spätere Leben, verfolgen. Ein Moment, das dem Kinde die Andersartigkeit besonders deutlich zum Bewußtsein bringt, kommt dann in der Schule hinzu: der Religionsunterricht. Und hier taucht selbst bei den Kindern, die sich bisher ihrer Sonderstellung nur dunkel bewußt waren, die Frage auf, was sie denn eigentlich von anderen unterscheidet Gerade für Kinder aus jüdischen Familien, die mit dem Judentum selbst wenig Beziehungen haben, in denen ein religiöses Leben nicht existiert, gewinnt diese Frage eine besondere Bedeutung. In einem Unterrichtsfach sind die Kinder getrennt, in den anderen Fächern sind sie vereinigt Aber das, was sie in dem einen Fach lernen, steht in einem gewissen Widerspruch zu dem, was die anderen zu geben haben: der jüdische Religionsunterricht beginnt mit der Schöpfungsgeschichte, der christliche hingegen im allgemeinen mit Geschichten aus dem Leben Jesu; und in den Deutschunterricht, in Märchen und Erzählungen spielt die Gestalt des Heilands immer wieder hinein, der dem jüdischen Kinde nicht vertraut ist, mit dem es aber ein gewisses Schuldgefühl, das ihm durch seine Umgebung eingepflanzt wird, verbindet Im Religionsunterricht lernt es, daß Weihnachten ein Fest der Christen sei, daß aber die Juden keinen Baum schmücken und keine Geschenke geben sollten! Im Deutschunterricht wird von Weihnachten erzählt, Märchen und Weihnachtslieder lenken darauf hin. Gewiß hat auch die jüdische Religion Feste — und Feste braucht das Kind —, aber diese Feste sind anderer Art, und sie fehlen oftmals dem Kind, weil das Elternhaus weder den Freitag Abend noch andere Feiertage kennt und in der traditionellen Weise begeht. Gewiß fehlt religiöses Leben auch in sehr, sehr vielen christlichen Häusern, aber einmal besteht hier der Widerspruch zwischen der Religion und dem übrigen Unterricht nicht, zum anderen aber 565