Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 562 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Stern suchen sein, die nun nach einem psychischen Überbau tendieren. Allein auch ohne die Annahme solcher besonderen Organminderwertigkeiten scheint die durch jahrhundertelange Absperrung im Ghetto, durch die große wirtschaftliche Not, die der Jude dort erdulden mußte, durch die ungünstigen Lebensbedingungen, unter denen er stand, bedingte größere körperliche Anfälligkeit und Schwäche noch nicht vollkommen überwunden. Die heute aufwachsende Jugend freilich steht unter weit besseren Lebensbedingungen als noch die voraufgegangene Generalion, zumal man die Bedeutung der Körperübungen immer mehr einzusehen beginnt Damit werden gewisse Körpermängel immer mehr schwinden, wie denn auch heute bereits ein großer Teil der jüdischen Jugend genau die gleichen Sportleistungen vollbringt wie die nichtjüdische Jugend. Von sehr viel größerer Bedeutung sind die soziologischen Faktoren. Das jüdische Kind lebt in einer jüdischen Familie; die Menschen, die es zuerst betreuen und pflegen, die das Kind lieben und die es selbst wieder liebt, sind Juden. Wir wissen heute — besonders die Erfahrungen der Psychoanalyse haben es uns eindringlich gezeigt —, daß kein Lebensabschnitt für die Bildung des Charakters von gleicher Bedeutung ist wie die frühe Kindheit und daß gerade hier die Familienbeziehungen von entscheidendem Einfluß sind. Die Menschen, die das Kind umgeben, sind geformt durch die eigenartige Situation, in der sie selbst aufgewachsen sind und in der sie selbst leben, durch die zwiespältige Stellung, in welcher der Jude sich befindet Und die Züge, djie sie selbst haben, werden sich auf das Kind übertragen; allein schon dadurch, daß das Kind in eine jüdische Umgebung hineingeboren wird, wird es selbst zum Juden, empfängt es Wesenseigentümlichkeiten, die es nie wieder ganz abstreifen kann. Der Jude ist immer und überall eingelagert in eine nichtjüdische Umgebung, die ihm zum großen Teil feindlich gegenübersteht Viele Lebensmöglichkeiten, die den anderen ohne weiteres gegeben sind, sind ihm — weil er Jude ist — verschlossen. Zu vielen Berufen kann er nicht oder viel schwerer als die anderen Zugang finden, selbst wenn er für sie hervorragend begabt ist Gewisse Kreise der Gesellschaft sind ihm verschlossen, man will ihn nicht, und selbst da, wo man ihn zuläßt, betrachtet man diese Zulassung häufig als eine Gnade, sieht ihn nicht als gleichwertig und gleichberechtigt an, wodurch zarte und fein empfindende Naturen überhaupt abgestoßen werden. Von den mannigfachen Momenten, die aus dieser seiner 562