Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 563 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie des jüdischen Kindes Stellung resultieren, ist in unserem Zusammenhang besonders die eine von besonderer Bedeutung: die Hinwendung zur eigenen Familie. Man hat den Familiensinn des Juden immer besonders gerühmt und bewundert, den engen Zusammenhalt der Familien, die treue, aufopfernde Sorge des Vaters für die Seinen, das Glück, das er an den Kindern und ihrem Streben empfindet; es wird dadurch verständlich, daß die soziale Position den Juden, weil er von vielen Kreisen abgewiesen wird, auf den eigenen Kreis und auf die eigene Familie hinweist Durch die Festigkeit, mit der er sich hier bindet, sucht er gewissermaßen den Mangel an Festigkeit in anderen Beziehungen auszugleichen. So bildet sich bei ihm ein ausgesprochener Familiensinn und ein Familienegoismus aus, der ihn nicht nur alles Schöne im Kreise seiner Familie suchen läßt, sondern der auch alles für sie beansprucht Das hat nun für das Kind verschiedene Folgen. Zunächst einmal wird es mit einer großen Liebe und Sorgfalt umgeben und erzogen, und viel Zärtlichkeit wird ihm zuteil. Infolgedessen tritt es mit einem Anspruch an Liebe und Verständnis in das Leben hinaus, der nie erfüllt werden kann: jede Abweisung muß es daher um so schwerer treffen und enttäuschen. Zwischen der Liebe, die dem Kinde daheim zuteil wird, und der Kälte und Zurückweisung, der Schmähung und dem Haß, mit dem man ihm draußen begegnet, liegt eine Welt. So flüchtet dasjüdische Kind sich mehr als jedes andere Kind zu den Eltern; die Verknüpfung mit den Eltern wird fester, und hier liegen wiederum Hemmungsmöglichkeiten und Störungen, die im Leben Schwierigkeiten bereiten können. Aber eine weitere Folge ist zu beachten: weil der jüdische Vater in seiner Familie mehr aufgeht, so möchte er auch für sie und besonders für die Kinder alles tun, was in seinen Kräften steht: er will den Kindern eine gute Erziehung geben und ihnen das Leben erleichtern, für ihr Vorwärtskommen im Leben sorgen, es ihnen leichter machen, als er es hatte; sie sollen mehr erreichen, es weiter bringen als er. So verständlich dieser Wunsch auch ist, so führt er doch oft zu sehr bedenklichen Folgen: der Ehrgeiz — und zwar ein nicht immer gesunder Ehrgeiz —wird frühzeitig in dem Kinde geweckt, ein Streben nach Wissen, das leicht zu einem Geisteshochmut führen kann; zum anderen aber führt die höhere und vertiefte Bildung oft das Kind über die Schicht, in der es lebte und groß wurde hinaus, so daß es in einen Widerspruch zum Elternhause gerät, sich dort nicht mehr heimisch fühlt, dabei sich aber doch vom Elternhaus — auch innerlich, durchaus 563