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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 560

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Zur Psychologie des jüdischen Kindes
Date
1928-02-01
Page
560 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Erich Stern suchen werden. Aber auch sonst findet der Mensch in der Gemeinschaft immer eine Begrenzung, insofern als jedes andere Ich den gleichen Anspruch auf Achtung erhebt, auf Geltung und dadurch seinem Verlangen Schranken setzt Geltungsverlangen, Machtstreben und Gemeinschaftssehnen sind die beiden treibenden Kräfte aller Entwicklung. Wo sich das Geltungsstreben nicht durchsetzen kann, wo ihm die normalen Wege verschlossen sind, da wird es seine eigenen Wege, die oft auf Abwege führen, gehen. Ich deute kurz die wesentlichsten Möglichkeiten, besonders soweit sie für das Kind von Bedeutung sind, an. Wo das Kind unter sehr starkem Druck steht und sich nicht durchsetzen kann, da kann es sich fügen; dann haben wir das folgsame, das unterwürfige Kind, das jeden eigenen Willen, jeden Widerstand aufgegeben hat, das Musterkind, das so bequem zu leiten ist, weil es auf Widerspruch verzichtet Oder das Kind kann sich zwar äußerlich fügen, aber innerlich aufbegehren, es kann freundlich und höflich ins Gesicht, aber boshaft hinter dem Rücken des anderen sein; dann haben wir den Heuchler und Kriecher, den falschen und feigen Streber, den Angeber. Oder das Kind kann zu offenem Widerstand übergehen, es kann sich auflehnen, Trotz bieten, nicht nur dem Erzieher, der es unterdrückt, sondern der Erziehung überhaupt; dann haben wir das schwer erziehbare Kind, wobei sich zwischen Trotz und einfacher Widerspenstigkeit bis zur schwersten Verwahrlosung und Kriminalität alle möglichen Zwischenstufen aufweisen lassen. Oder das Kind kann auf eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit überhaupt verzichten und ihr ausweichen, es kann sich in sich selbst zurückziehen oder sich eine eigene Welt neben der realen Welt aufbauen; dann haben wir das wirklichkeitsfremde oder das neurotische Kind. Diese vier Formen, die wohl die wichtigsten Möglichkeiten darstellen, kommen naturgemäß jede in verschiedenen Spielarten vor. So gehört etwa in die Gruppe des sich auflehnenden Kindes auch das nach Selbständigkeit und Selbstbehauptung strebende Kind, das seinen Wert durch eine Leistung beweisen und sich durch diese Geltung und Anerkennung verschaffen will Allein wir wollen diese Spielarten hier nicht näher untersuchen, sondern uns mit dem Gesagten begnügen, um nunmehr uns unserem eigentlichen Thema zuwenden zu können: was leistet die eben kurz dargelegte Theorie für ein Verständnis des jüdischen Kindes? 560

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