Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 559 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Psychologie des jüdischeu Kindes Klasse unter einem Drucke steht, wird zu dem Druck, der auf jedem Kinde lastet, noch der Druck hinzukommen, der die ganze Klasse beschwert So muß also das proletarische Kind stärkere Minderwertigkeitsgefühle, und damit auch ein stärkeres Geltungsverlangen haben, als das „bürgerliche" Kind; so muß, da unsere Kultur auch heute noch eine männliche Kultur ist und die Frauen vielfach eine minder geachtete Stellung einnehmen, das Mädchen mehr leiden und überwinden als der Knabe: so erklären sich nach Adler Züge, die man als eigentümlich für die weibliche Psyche angesehen hat, aus der Lage der Frau; am meisten belastet wird das proletarische Mädchen sein, bei dem sich Kindheit, Klassen- und Geschlechtszugehörigkeit in ihrer Wirkung addieren. Schon von hier aus zeigen sich die Linien, die zu einem Verständnis der jüdischen Seele führen: der Jude steht unter den heutigen Verhältnissen unter einem ganz besonderen Druck, der starke Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen muß; und diese wiederum werden nach starken Kompensationen verlangen; da die Lage der Juden, bei allen Verschiedenheiten im Einzelnen, doch weitgehende Übereinstimmungen zeigt, so werden sich auch gewisse Züge bei ihnen immer wieder finden: Züge, die wir dann als typisch jüdisch zu bezeichnen pflegen und als ererbt anzunehmen geneigt sind, die aber zurückzuführen sind auf die typische Lage und nicht auf eine spezifische Veranlagung. Allein bevor wir diesen Beziehungen nachgehen, müssen wir noch auf ein anderes Motiv hinweisen, das die Entwicklung des Menschen bestimmt: das Gemeinschaftsstreben. Jeden Menschen treibt es über die Vereinsamung hinaus zum anderen Menschen, zur Gemeinschaft. In dem Maße, in dem er in die Gemeinschaft aufgenommen und gleichberechtigt in ihr anerkannt wird, wächst sein Selbstgefühl, tritt das Minderwertigkeitsgefühl zurück. In dem Maße, in dem er zurückgesetzt und nicht als voll genommen wird, in dem er auf Feindschaft und Haß stößt, werden seine Minderwertigkeitsgefühle wachsen, wird er sich behaupten, wird er kämpfen — oft mit allen Mitteln kämpfen — müssen, wird er Kompensationen schaffen. Und das ist nun eine typische Situation, daß gerade der Verfolgte und Gehaßte die Anlehnung an die Gemein-schaft sucht, um vor sich selbst seinen Wert zu erweisen, daß er aber von der Gemeinschaft zurückgewiesen wird, so daß seine Minderwertigkeitsgefühle wachsen und nach Kompensationen 559