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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 558

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Zur Psychologie des jüdischen Kindes
Date
1928-02-01
Page
558 (sequence 4)
Language
German
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Erich Stern sich heute weiter Verbreitung erfreut: die Adlersche Individualpsychologie. Ich betone, daß ich in der Adlerschen Lehre eine Theorie, und nicht eine Beschreibung der psychischen Wirklichkeit sehe, ein Prinzip, das uns in vielen Fällen zur Deutung des Seelenlebens hervorragende Dienste leistet und das seine Fruchtbarkeit gerade in unserem Falle bewährt Es wird zum Verständnis des folgenden notwendig sein, die Grundzüge der Adlerschen Auffassung hier wenigstens anzudeuten. Adler geht von der Voraussetzung aus, daß die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen ursprünglich nicht im Psychischen, sondern im Körperlichen liegen, und daß alle psychischen Verschiedenheiten auf körperliche Unterschiede und auf Milieuunterschiede zurückzuführen sind. Nicht das Angeborene, sondern die Umwelt ist dem Menschen Schicksal; denn auch der eigene Körper ist für das Seelenleben ja in gewissem Sinne ein Draußen, Umwelt Hinsichtlich der Körperkonstitution sind es in erster Linie Organminderwertigkeiten, die für die psychische Entwicklung entscheidend sind. Denn diese Organminderwertigkeiten schaffen Minderwertigkeitsgefühle, die nach einem Ausgleich streben: durch einen psychischen Überbau sucht der Mensch die Minderwertigkeiten nicht nur zu überwinden, zu kompensieren, sondern die Tendenz geht sogar dahin, eine über das Normale hinausgehende Leistung zu erzielen, also eine Überkompensation zu erzielen. Minderwertigkeitsgefühle stammen aber noch aus anderen Quellen. Das Kind wird in eine Umgebung hineingeboren, die ihm weit überlegen ist, und der gegenüber es sich unterlegen, minderwertig fühlt; der Erwachsene ist groß, das Kind klein, der Erwachsene kann gebieten, das Kind muß sich fügen. So entstehen Minderwertigkeitsgefühle immer; aber sie können schwach oder stark sein, je nachdem, ob eine Verständnis- und liebevolle Umgebung dem Kinde möglichste Freiheit läßt, oder ob Verständnis- und Lieblosigkeit dem Kinde seine Schwäche und Unterlegenheit jeden Tag von neuem zum Bewußtsein bringen und es unterdrücken. Je stärker der Druck ist, um so stärker sind auch die Minderwertigkeitsgefühle. Wo aber Minder Wertigkeitsgefühle bestehen, da streben sie nach einem Ausgleich; auf sie baut sich ein immer wachsendes Geltungsverlangen auf, das nichts ist, als die Kompensation ursprünglichen Minderwertigkeitserlebnisses. Die allgemein kindliche Situation erfährt nun eine Reihe von typischen Verschärfungen. Da. wo eine ganze 558

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