Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Kindes
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 557 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur Psychologie des jüdischen Kindes Bibel, geprägt worden sind. Aber da, wo im Hause noch religiöses Leben herrscht, tritt doch bereits ein Moment in das Leben des Juden ein, das ihm etwas ganz Spezifisches zu geben hat: jüdische Religion und jüdische Kultübung. Und selbst wo das religiöse Leben im Hause fehlt, da entsteht doch auch dadurch eine Lücke, daß die Verbundenheit mit dem Christentum und der christlichen Kirche — die, mag sie auch noch so locker sein, bei den christlichen Mitbürgern doch vorhanden ist, und die besonders für das Kind noch besteht — fehlt, ohne daß. ein Ausgleich geschaffen ist Die wesentlichsten Unterschiede aber finden sich in der menschlichen Umgebung. Gewiß sind es, mindestens zum großen Teil, die gleichen Menschen, mit denen der Jude wie der Nichtjude zusammenleben. Aber diese Menschen treten doch, und allein darauf kommt es an, dem Juden ganz anders gegenüber wie dem Nichtjuden. Und hier liegt nach meiner Auffassimg der Ursprung für zahlreiche Züge und Verhaltensweisen des modernen Juden. Sie entstehen in der Kindheit, die ja überhaupt für die Bildung unseres Wesens, unseres Charakters von entscheidender Bedeutung ist, und ihre Entstehung läßt sich daher am leichtesten beim Kinde studieren. So möchte ich denn versuchen, in aller Kürze einige Wesenszüge des jüdischen Kindes aus den besonderen Lebensverhältnissen, unter denen es steht, verstandlich zu machen. IL Das Charakteristische der jüdischen Situation überhaupt kann man darin sehen, daß der Jude immer und überall unter einem stärkeren sozialen Druck steht als der Nicht jude; er gehört zu einer Gruppe von Menschen, denen man mit Mißtrauen und Haß begegnet, er wird als Feind betrachtet, und zwar als ein Feind, der dem anderen an Werthaftigkeit unterlegen ist Gerade das Kind aber muß unter dem Widerstand leiden, dem es begegnet, da es ja die Ursachen desselben noch nicht kennt, noch nicht zu überschauen imstande ist und den Widerstand nicht auf sein Judesein, sondern auf seine Person bezieht, wenn auch gelegentlich schon ihm die eigentümliche Tragik, in die es verstrickt ist, dunkel bewußt wird. Beim Kinde werden als Folge des Hasses und der Feindschaft Gefühle der Unterlegenheit, der Minderwertigkeit entstehen, die nunmehr nach einem Ausgleich suchen. Der Jude als Glied einer gedrückten, verfolgten Schicht wird mannigfache Züge zeigen, die allen unterdrückten Schichten eigentümlich sind. Und hier scheint mir eine psychologische Theorie wesentlichen Aufschluß zu geben, die 557