Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 556

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
Zur Psychologie des jüdischen Kindes
Date
1928-02-01
Page
556 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898449--02391-2898503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Erich Stern Verhalten? Liegen sie in der Veranlagung, in der Rasse? Liegen sie im Milieu? Die Rassetheoretiker mochten uns das erstere glaubhaft machen, und doch übersehen sie, daß — ganz abgesehen davon, daß andere Züge durchaus nicht minderwertige Züge sein müssen, daß eine andere Rasse nicht eine „schlechtere" sein muß — auch die Rassemerkmale vielfach erst durch die Umwelt geformt und in weitem Ausmaß veränderlich sind. Zudem wissen wir nicht, wie tief die Rasseunterschiede gehen und ob nicht gewisse allgemeine Verhaltensweisen ursprünglich allen Rassen in gleicher Weise zukommen. Und selbst wenn wir zugeben wollen, daß Rasseunterschiede bedeutsam sind, so besagt dies noch nichts gegen die formende Macht der Umwelt Ich stehe auf dem Standpunkt — um das Endergebnis meiner Darlegungen gleichsam vorwegzunehmen —, daß für die Prägung der Züge, welche man heute vielfach als spezifisch jüdisch bezeichnet und von denen man viele dem Juden zum Vorwurf macht, in erster Linie die Umweltverhältnisse bestimmend sind. Wie aber, so wird man sogleich einwenden, ist dies möglich; lebt denn der Jude in den europäischen Kulturländern und in Amerika nicht unter den gleichen Bedingungen wie der Nichtjude, wodurch unterscheidet sich sein Milieu von dem Milieu der anderen? Drei Reihen von Milieufaktoren können wir unterscheiden: auf den Menschen wirken die ihn umgebende Natur, die Kultur und die Menschen, mit denen er das Leben gemeinsam führt, oder mit denen es ihn irgendwie in Berührung bringt Für den Juden, der in Deutschland oder in irgendeinem anderen Lande lebt, ist die naturale Umwelt die gleiche wie für den Nichtjuden; sie wird auch in weitem Ausmaß dafür bestimmend sein, daß der Jude sich in seinem äußeren Habitus immer mehr den Völkern, in deren Mitte er lebt, angeglichen hat, und daß sich somit etwa der russische Jude vom deutschen Juden, dieser vom amerikanischen Juden schon rein äußerlich unterscheidet Freilich spielen hier auch, wie Hellpach in anderem Zusammenhange nachgewiesen hat, die Sitten und Lebensgewohnheiten — und sie nimmt der Jude von seiner Umgebung an — eine erhebliche Rolle. Aber damit betrachten wir bereits die kulturellen Faktoren; gewiß sind sie für Juden und Nichtjuden in weitem Umfange gleich: an deutschen Dichtern und an deutscher Musik, an deutscher Wissenschaft und Philosophie haben wir uns gebildet, während auf der anderen Seite doch auch nicht übersehen werden darf, daß die Nichtjuden durch altes jüdisches Kulturgut, die 556

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.